Leseprobe "Der Drache aus dem blauen Ei"

Kapitel "Die Spaghetti-Rutsche"


Während Anja und ihr großer Bruder den Tisch deckten, beobachteten sie einander mit Argusaugen. Und als Alexander angeblich aufs Klo musste und nach oben verschwand, schlich Anja ihm sofort nach. Sie erwischte ihn dabei, wie er ihren Schulranzen durchsuchte.
"Lass meinen Schulranzen in Ruhe!", fauchte sie. Alexander grinste nur und kickte so hart gegen den Ranzen, dass Hefte und Bücher herausrutschten.
"Lass Mama bloß dein Durcheinander nicht sehen", sagte ihr Bruder, doch dann lief er wieder nach unten.
Anja atmete auf und sah sich in ihrem Zimmer um. Er hatte Recht, bei ihr war es wirklich nicht besonders ordentlich. Aber sie selbst wusste immer, wo sie ihre Sachen fand! Rasch schlich sie zur Heizung. Fast hätte sie einen Schrei ausgestoßen. Oh Schreck! Ihre Mütze und das Ei waren nicht mehr da! Anja wurde eiskalt. Alexander konnte es nicht gewesen sein. Er hatte ja eben noch nach dem Ei gesucht. Sollte Baby-Bo etwa Na klar! Ihr kleiner Bruder musste das Ei mitgenommen haben, als sie noch im Zimmer waren. Oh nein! Hoffentlich ging es dem Ei gut.
Sie rannte zur Treppe und spähte ins Wohnzimmer hinunter. Alexander verschwand gerade in der Küche, um Besteck zu holen. Und links von der Treppe saß Bo neben dem Sofa und räumte brav seine Stofftiere auf. Er hatte seinen Fahrradhelm abgenommen -- sehr verdächtig. Sein dunkelbraunes Haar stand ihm nach allen Seiten vom Kopf ab. Noch verdächtiger aber war, dass er so leise war. Still türmte er seine Stofftiere zu einem riesigen Berg neben dem Sofa auf.
Anja rannte die Treppe hinunter und schnappte sich einen Stofflöwen, der ganz oben auf dem Berg thronte. "Warum hast du das Ei gestohlen?", zischte sie Bo zu. "Wo ist es?"
Bo sprang auf und riss ihr empört den Löwen aus der Hand.
"Lupi passt auf!", sagte er ernst. Keiner wusste warum, aber Bo nannte alle seine Stofftiere Lupi. Jetzt sprang er vor, hob den Lupi-Löwen hoch über den Kopf und setzte ihn dann mit Schwung wieder auf die Spitze der Kuscheltier-Pyramide. Es war wohl etwas zu viel Schwung, denn Bo verlor das Gleichgewicht und landete mit dem Bauch auf den ganzen Stofftieren. In diesem Moment hörte sie es beide: ein deutliches Knacken, so als würde eine Schale zerbrechen.
Bo sah genauso erschrocken drein wie Anja.
Jetzt gab es kein Halten mehr. Anja zog ihren Bruder herunter, dann packte sie ein Stofftier nach dem anderen und warf es zur Seite. Lupi-Krokodil, Lupi-Löwe, Lupi-Katze, Lupi-Hund und Lupi-Frosch flogen durch die Luft und landeten auf dem Sofa. Endlich kam der Fahrradhelm zum Vorschein. Im Fahrradhelm lag Anjas Wollmütze. Und in der Mütze ...
"Oh nein!", entfuhr es ihr.
Ein Lachen ließ sie zusammenzucken. "Da war Bo wohl schneller als ich", feixte Alexander. "Jetzt ist das Ei kaputt. Sieht ja fast aus, als wäre es explodiert."
Anja brachte kein Wort heraus, sie starrte immer noch auf die unzähligen Eierschalenstücke. Sie hingen überall: an der Mütze, im Helm und an den ganzen restlichen Lupis. Bo fing an, herzzerreißend zu schluchzen. Auch Anja war ganz elend zumute.
Mama kam aus der Küche. "Was ist denn jetzt schon wieder los?"
Bo stürzte zu ihr und umklammerte ihre Knie. "Es ... Es war blau", stammelte er. "Und dann rot und gelb. Und dann heiß und kalt. Und jetzt ist es zerbrochen."
Mama runzelte die Stirn. "Ich verstehe kein Wort", sagte sie und strich Bo über den Kopf. "Was war blau?"
"Eierkopf hat irgend ein faules Ei im Park gefunden und Bo hat es zerdeppert", erklärte Alexander und grinste.
In der Küche fiel etwas mit einem Mordsgeschepper auf die Fliesen. Mama zuckte zusammen und lief gefolgt von Bo in die Küche. "Huch, der Topfdeckel ist runtergefallen", rief sie verwundert ins Wohnzimmer.
Anja starrte immer noch auf den Helm. Komisch, dass nur die Eierschale zu sehen war, aber kein ausgelaufener Dotter oder so. "Iiih!", schrie Mama entsetzt in der Küche. Im selben Moment knallte etwas ganz fürchterlich, Geschirr zerbrach, dann ertönte ein dumpfes "Pluff" und ein Kreischen von Bo. Anja und Alexander stürzten in die Küche. Vor dem Herd standen zwei Gespenster - ein großes und ein kleines. Mama und Bo, über und über mit Mehl bepudert. Eine geplatzte Mehltüte lag auf den Fliesen. Sie musste vom Regal gefallen sein - direkt auf die beiden.
Jetzt hagelten auch die Gewürzdöschen eines nach dem anderen aus dem Regal, als hätte sie jemand geschubst. Pfeffer und Salz, quietschgelbes Curry und rotes Paprikapulver rieselten auf die Anrichte und auf den Herd. Mama versuchte noch ein Säckchen mit Lavendel aufzufangen. Doch da ertönte ein lautes "Platsch" aus dem Spaghettitopf. Er war voller Wasser, die noch festen Spaghetti ragten an einer Seite über den Rand hinaus.
"Das gibt es doch nicht!", rief Mama. " Raus aus der Küche, Kinder!"
Aber weder Anja noch Alexander gehorchten. Denn das, was sie im Topf sahen, war einfach unfassbar. Im Spaghettiwasser paddelte ganz vergnügt ein feuerrotes Schuppentier herum. Es musste aus dem Ei geschlüpft und schnurstracks in die Küche geflitzt sein. Aber es war kein blaues Küken, sondern ein winzig kleiner Drache!
Mama stellte sofort den Herd aus und zog den Topf von der Kochplatte. Das kleine Wesen tauchte unter und glitt in einem eleganten Bogen tiefer zum Topfboden. Winzige Flügel schlugen auf und ab wie Flossen. Er schien sich pudelwohl zu fühlen. Mama schnappte sich einen Löffel und holte den Drachen aus dem Topf. Sehr begeistert schien er darüber aber nicht zu sein. Er warf Mama einen empörten Blick zu und machte Anstalten, mit einem Kopfsprung zurück in den Topf zu hechten, als wäre der Löffel ein Sprungbrett im Schwimmbad.
"Halt, hier geblieben!", sagte Mama und legte ihre Finger um den gepanzerten Rücken.
"Autsch!", rief Mama und schüttelte ihre Hand. "Der ist ja heiß wie ein gekochtes Ei."
Der Drache machte einen hübschen Sprung und landete bäuchlings auf den Spaghetti, die aus dem Topf ragten. Mit einem Juchzer rutschte er darauf wie auf einer Rutschbahn ins Wasser zurück.
"Jetzt reicht es!" Mamas Augen funkelten. "Spaghettisieb!"
Alexander holte das Metallsieb aus dem Küchenschrank.
"Aber vorsichtig!", bat Anja.
Mama schnappte sich zwei Topflappen, packte den Topf an den Henkeln und kippte das ganze Wasser samt den halb garen Spaghetti und dem Drachen in das Sieb. Ein protestierendes Fiepen erklang, dann saß der kleine Drache völlig verdattert zwischen den Nudeln und schaute zu, wie das Wasser um ihn herum einfach verschwand.
"So, jetzt lassen wir ihn erst einmal abkühlen", sagte Mama und nahm Bo hoch, damit er auch endlich etwas sehen konnte. Anja beugte sich über das Spaghettisieb und betrachtete den Drachen. Was für ein hübscher, kleiner Kerl! Noch nie hatte sie so schöne Augen gesehen! Sie waren so blau, mit Pupillen wie dunkle Sterne. Außerdem hatte er winzigkleine Krallen und eine geschwungene Schnauze, fast wie ein Seepferdchen. Nun schüttelte er sich, sodass auch noch die letzten Tropfen von seinen Schuppen rollten und machte "Brrrr!". Eben war er noch feuerrot gewesen, jetzt aber verblasste seine Farbe. Und dann, als er ganz abgekühlt war, strahlte er in Schneeweiß. Er hatte graue und schwarze Flecken auf dem Rücken, die aussahen wie dunkle Schneeflocken. An den Beinen hatte er schwarze Streifen -- als würde er Ringelsocken tragen. Tropfnass hangelte er sich an dem Rand des Spaghettisiebs hoch und flitzte über die Anrichte. Das heißt, er versuchte zu flitzen. Doch dann rutschte er auf einem kleinen Fleck Olivenöl aus, landete auf dem Bauch und schlitterte geradewegs in das offene Lavendelsäckchen. Es machte "Uffz-Ömpf", dann stieg eine Lavendel-Staubwolke hoch. Ein schwaches Husten erklang.
"Alexander, schnell, geh in den Keller und hol den alten Hamsterkäfig!", befahl Mama.
Der Drache sperrte das winzige Maul sperrangelweit auf und holte tief Luft. Und dann - "Hatschi-Pfffiiitt!" - nieste er Anja eine Lavendelwolke mitten ins Gesicht.

c) Verlag Ravensburger



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