Leseprobe "Das Amulett des Dschingis Khan"

Aus dem Kapitel "Serpente"


Die Kinder belauerten ihn schon eine ganze Weile. Krystian konnte sie aus den Augenwinkeln im Feigenbaum sitzen sehen, dessen äste über die Mauer ragten. Flüsternd entwarfen sie ihren Schlachtplan. Eigentlich sollten sie ihrer Arbeit nachgehen und die Steine für eine Mauer herbeischleppen, die weit hinter dem Brüderhaus auf der nächsten bergigen Weide errichtet wurde, aber die Aussicht darauf, einen Blick auf ein Lamm mit zwei Köpfen zu werfen, ließ sie ihre Pflichten vergessen. Wenn sie in ihrem Bergdialekt so schnell sprachen wie jetzt, konnte Krystian nur ein paar Brocken verstehen. Erst vor einigen Wochen waren Bruder Matteo und er in der Einsiedelei der italienischen Minderbrüder angekommen, aber er wusste auch so, was in Kinderköpfen vorging. Ob in Smendringen, Pressburg oder hier im Karstland nahe der Küste am Adriatischen Meer - die Kinder waren überall gleich. Sie lachten, weil er ihre Sprache mit einer seltsamen Betonung sprach und auf dem rechten Bein ein wenig hinkte. Sie näherten sich ihm voller Neugier, flohen kreischend vor seinen polnischen Schimpftiraden, die sie für Zaubersprüche hielten, und suchten dennoch immer wieder seine Nähe. An guten Tagen spielte Krystian das Spiel mit und gab sich ruppiger, als er war. An schlechten Tagen aber sah er sich mit den Augen der Kinder: ein junger Kerl mit dunklem Haar und ernsten, hellgrauen Augen, der einen seltsamen Makel hatte. An jedem Ort, an dem Bruder Matteo und er sich aufhielten, sprach sich bald herum, dass er nach seltsamen Tieren forschte und unglaubliche Dinge in seiner Reisetasche hatte. Und an jedem Ort war es nur eine Frage der Zeit, bis die Zeichnung auf seinem Arm entdeckt wurde. Auch hier hatte es nicht lange gedauert, bis die Kinder ihn ausspioniert hatten. Die Mädchen betrachteten ihn seitdem mit abenteuerlustigen Augen, aber keine wagte ihm nahe zu kommen, was Krystian bedauerte und Bruder Matteo nur recht war.
Krystian beugte sich wieder über den groben Leinenstoff, den er gerade flickte, und verbarg sein Lächeln hinter dem Vorhang aus schwarzem Haar. Der Plan der Kinder war so einfach und schlecht durchdacht, dass es wirklich zum Lachen war. Dennoch tat er so, als würde er nicht bemerken, wie zwei der Verschwörer vom Baum kletterten und im Schatten der Mauer verschwanden, während der dritte Junge - der ihn ablenken sollte - umständlich vom Baum auf die Mauer kletterte und mit einem Riesensatz unweit von Krystian auf dem staubigen Boden landete. Er war ein schlaksiger, schmaler Kerl mit verfilzten, dunkelbraunen Haaren. Krystian wusste, dass er Luca hieß und derjenige von der Bande war, der am schnellsten laufen konnte. Gute Wahl.
"Eh! Serpente!", rief Luca herausfordernd und spuckte betont lässig aus. Nun, es war nichts Neues, dass Krystians Spitzname auch hier Schlange war. Die eigentliche Provokation folgte jetzt. "Du hast Eva in den Busen gebissen und sie mit deiner Sünde vergiftet!", brüllte der Junge. "Aber mich kriegst du nicht, hinkendes Teufelsbein!"
Schon fegte er davon wie von tausend bösen Geistern gehetzt. Und er tat gut daran: Viele Gegner hatten sich schon gründlich in Krystian getäuscht, weil er beim Sitzen das rechte Bein gerne gestreckt hielt, um sein Knie zu schonen. Doch laufen konnte er, wenn es darauf ankam!
Krystian schoss hoch. über den halben Hof bis zur Mauer verfolgte er den Jungen. Doch sobald er die zwei anderen Kinder zur Hinterseite des Hauses huschen sah, machte er eine Kehrtwende und rannte schnurstracks zurück zum Haus.
Hinter sich hörte er den erstaunten Aufschrei des kleinen Lockvogels. Krystian grinste. Das hatten sich die kleinen Diebe wohl so gedacht! Nun gab es kein Halten mehr, die halb offene Tür flog ihm entgegen. Krystian stieß sie mit der Schulter auf und raste nach oben. Seine Schritte polterten auf den hölzernen Leiterstiegen und schreckten die beiden Kranken aus ihrem Dämmerschlaf. Im Halbdunkel des Raums sah Krystian, wie Bruder Matteo zu ihm hochblickte und missbilligend die Brauen runzelte.
Doch für Entschuldigungen blieb keine Zeit, schon stürmte er in den niedrigen Raum unter dem Dach. Und richtig: Die beiden übeltäter waren durch das Fenster geklettert und durchwühlten gerade einen Sack, von dem sie dachten, dass er Krystian gehörte. Pech für sie, dass sich darin nur ein Nüsse befanden - und, ganz unten, die geflickte Kutte des verstorbenen Bruder Domenico.
"Habt ihr nichts Besseres zu tun als in anderer Leute Sachen herumzuschnüffeln?", brüllte Krystian auf polnisch. Die beiden Jungen fingen an zu kreischen und warfen vor Schreck den Sack um - vermutlich glaubten sie, soeben auf das Schrecklichste verflucht worden zu sein. Nüsse kullerten über den Boden. Dann sah Krystian nur noch wirbelnde Arme und schmutzige Fußsohlen, als die Kinder zum Fenster zurückstürzten und sich hinaushangelten. Es gab einen hässlichen Laut, als sich der kleinere der beiden - Krystian wusste, dass er Andrea hieß - den Arm am Fenster stieß. Lauthals begann er zu heulen, doch er krabbelte trotzdem weiter und sprang. Krystian erreichte das Fenster genau in dem Augenblick, als auch der zweite Junge mit einem dumpfen Laut auf dem staubigen Boden aufkam, nach vorne stolperte und den Schwung nutzte, um davonzurennen.
"Più scemo no poteva nascere!", schrie Krystian ihnen auf Italienisch hinterher. "Dumm geboren und nichts dazugelernt! Die Schlange hat Eva nicht gebissen, sondern sie dazu verführt, von der verbotenen Frucht zu essen. Merkt euch das endlich und sagt das auch eurem Lockvogel!"
Wenige Sekunden später war alles, was noch von dem überfall zeugte, die Staubwolke, die über dem Hof in der Luft trieb und das entfernte Heulen des kleinen Andrea. Krystian machte sich daran, die Nüsse aufzusammeln. Die Kinder hatten an der falschen Stelle gesucht. Niemals würde er seine Schätze einfach so offen herumliegen lassen. Das kleine Monstrum und seine Aufzeichnungen über fremdartige Wesen bewahrte er in einem Lederbeutel auf. Er lag gut versteckt in der Truhe im unteren Raum.
"Warum lernst du in jeder Sprache immer zuallererst die Schimpfwörter?", hörte er Bruder Matteo hinter sich sagen. Schon die wenigen Leiterstiegen hatten den alten Mönch außer Atem geraten lassen. "Du sollst Geduld haben und freundlich zu den Menschen sein, nicht sie beschimpfen und fortjagen!"
Krystian lachte. "Es ist doch nur ein Spiel. Sie sind wie junge Hunde. Ich verjage sie und sie kommen trotzdem wieder. Und sie lernen doch, Matteo. Manche mit den Ohren und dem Kopf, andere eben mit den Beinen. Und bei Andrea leisten blaue Flecken viel bessere Dienste als Tinte auf Papier. Dass die Schlange Eva nicht gebissen hat, wird er sich bestimmt auf ewig merken."
Der Mönch seufzte tief und rieb sich die Nasenwurzel, als müsse er die Kopfschmerzen vertreiben, die ihn so oft plagten. Krystian betrachtete ihn voller Mitgefühl. Von seiner Leibesfülle war ihm nicht viel geblieben, das Alter hatte ihn in den vergangenen Jahren schnell eingeholt. Die Stelle, an der ihn vor langer Zeit die Fackel des Höllenreiters getroffen hatte, war immer noch kahl, das Narbengewebe war hell und nahm keine Sonnenbräune an. Der Gedanke, dass der alte Mann nicht mehr lange leben würde, gab Krystian einen Stich. In den vergangenen Wochen war Matteo noch gebeugter geworden, und schlimmer denn je suchten ihn die von Angstträumen begleiteten Krämpfe heim.
"Wollten sie dein Monster sehen?", fragte Bruder Matteo müde. Krystian nickte nur und stellte den Sack wieder auf. Klackend stießen die Nüsse gegeneinander.
"Schon wieder der Unglücksbringer? Hattest du nicht versprochen, ihn fortzunehmen?", murmelte Matteo und deutete auf das Amulett, das beim Laufen unter Krystians Leibhemd herausgerutscht war und nun offen auf der Brust lag: das metallene Rechteck mit dem eingravierten Schlangenmenschen.
"Du sollst es nicht neben unserem Herrn und der Muttergottes tragen! Bist du etwa ein Heide?"
Krystian beeilte sich, das Amulett abzunehmen. "Nein, aber du weißt doch, Matteo, es ist alles, was ich noch habe - von früher, von ... Krakau."

c) Verlag Sauerländer, 2008



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