Leseprobe "Im Bann des Fluchträgers"
"Die Naj lassen sich selten dazu herab, in unserer Sprache zu sprechen, die sie für tölpelhaft und unmelodisch halten.
Vielleicht haben sie damit sogar Recht. Ihre Sprache ist viel komplizierter als unsere. Sie hat über dreitausend
verschiedene Laute und jeder Laut hat mehrere Bedeutungen - je nach Jahreszeit, Sonnenstand und Strömungsverhältnissen.
Je nachdem, ob das Wasser kalt oder warm ist, und je nachdem, wie in der Nacht die Sterne stehen."
Darian Danalonn
Nach und nach wurde das Flusstal schmaler. Büsche wuchsen direkt aus den Felsen. Der Fluss dagegen dehnte sich aus und wurde
an den breitesten Stellen spiegelglatt. Die Höhlen am Rand boten immer weniger Schutz, weil sie knietief mit moosdurchwachsenem
Wasser angefüllt waren.
"So kommen wir nicht mehr weiter", sagte Ladro eines Morgens. Hinter ihnen füllten sich die Hufspuren mit Wasser, links,
kaum eine Armlänge von ihnen entfernt, war blanker Fels. Ravin musste den Kopf in den Nacken legen, wenn er weit oben den
Felsrand erkennen wollte. Vor ihnen erstreckte sich der Fluss von Felswand zu Felswand und ergoss sich sprudelnd in ein noch
größeres Becken, so groß, nachtblau und glatt wie ein sehr tiefer See. Ladro fluchte.
"Wenn wir zur nächsten Stelle zurückwollen, wo wir die Schlucht verlassen können, sind wir tagelang unterwegs!"
"Dazu haben wir keine Zeit", fuhr Mel Amie dazwischen.
"Es hilft nichts, wir müssen hinüber", stellte Darian fest und begann damit, Dondo abzusatteln. "Für unsere Sättel,
Waffen und Vorräte brauchen wir ein Floß." Ravin sah, dass Mel Amie bleich geworden war. Und auch Ladro stieg nur zögernd
vom Pferd. Amina und er tauschten einen kurzen Blick und nickten sich dann kaum merklich zu.
*
Darian und Ravin hatten Buschholz aufgeschichtet. Mel Amie schleppte ein Stück Treibholz heran, an dessen Unterseite sich
bereits Algen festgesetzt hatten. Doch es schwamm, was Mel Amie zumindest ein wenig zu beruhigen schien.
Mit ihren Schwertern hackten sie Zweige von den Buschstämmen und banden sie mit Sattelriemen aneinander. Doch als sie
probehalber die Sättel auf das Floß legten und es vom Ufer in tieferes Wasser zogen, schwappten die Wellen über den Rand
und das Floß drohte unterzugehen.
"Wir brauchen mehr Holz", sagte Ladro.
Froh, von dem dunklen Flussbecken wegzukommen, ging er mit Mel Amie und Amina ein Stück des Weges zurück um noch mehr Holz
zu sammeln.
Darian und Ravin lösten die Riemen und versuchten die dünnen Stämme noch fester zusammenzubinden. Die Sonne stand bereits
so hoch, dass sie Ravin im Nacken brannte. Der Kies roch feucht und heiß und knirschte unter seinen Sohlen. Sie arbeiteten
verbissen und schweigsam. Einmal richtete Ravin sich auf, trat ans Ufer und spritzte sich zur Kühlung ein wenig Wasser ins
Gesicht. Ein Plätschern rechts von ihm ließ ihn herumfahren. Gerade noch sah er, wie ein kleiner Strudel eine Armlänge von
ihm sich in Sekundenschnelle glättete. Ein flüchtiges Glitzern huschte unter der Wasseroberfläche entlang, dann spiegelten
sich wieder die Wolken im Wasser. Plötzlich ertönte das Platschen hinter ihm. Mit klopfendem Herzen hastete Ravin zurück
ans Ufer und blickte sich um. Darian kniete im feuchten Kies und zurrte einen weiteren Gurt fest. Er sah kaum auf, als
ein schlangengleicher, schuppiger Leib aus dem Wasser schoss und sich eidechsenschnell auf einen der Uferfelsen hinaufzog.
Ravin machte einen Satz rückwärts, stolperte und schürfte sich die Handflächen an den Kieseln auf.
Grünliche Fischaugen blickten erst ihn an und dann das Floß.
"Du wolltest doch einen Naj sehen, Ravin", sagte Darian. "Er ist neugieriger als sein großer Bruder, dem wir vor einigen
Tagen begegnet sind. Beachte ihn einfach nicht."
Ravin stand und staunte. Der Naj saß auf dem Felsen, Wassertropfen rannen von seinen Schuppen. In der Sonne funkelten
sie wie ein Kleid aus Edelsteinen. Der Körper des Naj war lang und zartgliedrig, seine Hände mit den dünnen, weißen Fingern
lagen wie durchsichtige Wasserpflanzen auf dem rauen Fels. Das Gesicht war menschenähnlich, doch die fleckige Zeichnung
der Schuppen und die transparenten Häutchen, die Kinn und Wangen mit der Brust verbanden, sahen irritierend fremd aus.
Ravin stellte sich vor, wie sie sich unter Wasser blähten und in welligen Bewegungen das Najgesicht umschwebten. In der
Sonne jedoch wirkte der Naj faltig und sehr verletzlich.
Ravin zwang sich mit seiner Arbeit fortzufahren und griff nach zwei dickeren Zweigen. So arbeiteten sie unter den
interessierten Blicken des Naj schweigend weiter. Ab und zu sah Ravin verstohlen zu ihm hinüber und sah die silberweißen
Augen mit der kreisrunden Pupille stets auf sich gerichtet.
"Glaubst du, er wird noch lange da sein?", flüsterte er Darian zu. Sein Freund zuckte die Schultern.
"Es ist schon erstaunlich genug, dass er sich überhaupt so lange blicken lässt", flüsterte er zurück. "Mich macht er nervös.
Naj haben nur Unsinn im Kopf."
"Der Fluss hört euch", sagte der Naj plötzlich.
Seine Stimme klang wie das Rauschen des Wassers, tonlos und doch deutlich. Allerdings sprach er ein wenig bemüht, wie ein
Reisender, der sich die Sprache eines fremden Landes angeeignet hat.
"Dass euereiner mit uns spricht, ist erstaunlich", bemerkte Darian und beugte sich wieder über das Floß.
"Ja, ich staune selbst", gab der Naj zurück und gluckste. Ravin nahm an, dass dieses Geräusch ein Lachen darstellte.
"Eure Worte klingen schlimmer als das Gurgeln von Welsschweinen."
"Vielen Dank", erwiderte Darian ungerührt.
Eine Weile arbeiteten sie weiter.
"Magst du Wasserschnecken?", wandte sich der Naj an Darian und betrachtete dabei interessiert seine fingernagellosen
Hände. "Ich mag Wasserschnecken. Die blauen schmecken besser als die durchsichtigen."
"Ach ja?", fragte Darian, dem das Geplapper des Naj allmählich auf die Nerven ging.
"Ja", plauderte der Naj weiter. "Wobei, die blauen solltet ihr nicht essen - die sind giftig für euch."
"Wir werden uns beherrschen."
Ravin lächelte und zog einen weiteren Gurt fest. Ein Span fuhr ihm in die Hand, ruckartig zog er die Hand zurück. Schmerz pochte in seinem Finger.
Mitleidlos betrachtete der Naj, wie er die Wunde im Flusswasser ausdrückte.
"Tut weh?", fragte er. Ravin lächelte verzerrt und nickte. Der Naj nickte ebenfalls und spritzte sich Wasser auf seine
austrocknende Haut. Es sah aus, als würde er sich Luft zufächeln.
"Was ist? Schwimmst du mit mir?", fragte er.
Ravin blickte überrascht auf.
"Mit dir schwimmen?"
"Ich will dir etwas zeigen."
Darian und Ravin wechselten einen kurzen Blick.
"Nein, danke", sagte Ravin.
Der Naj zupfte an seinem Kinnhäutchen.
"Schade. Sehr schade für euch Welsschweinegurgler."
"Kein Grund, gleich ausfallend zu werden", sagte Darian.
"Ich bin nicht ausfallend", berichtigte der Naj höflich, aber sehr bestimmt. "Aber ihr macht einen Fehler. Aus Dummheit oder
aus Trotz."
"Es sind schon einige ganz zufällig ertrunken, als sie mit euch schwimmen gingen", gab Darian zu bedenken.
Der Naj gluckste wieder.
"Wie lange kannst du die Luft anhalten?"
"Nicht lange genug für dich."
"Ihr schwimmt also nicht mit mir?"
"Nein", fauchte Darian und machte sich weiter an dem Floß zu schaffen.
"Gut."
Der Naj war offensichtlich tief gekränkt, doch er tat gleichgültig.
"Dann macht weiter mit diesem Ding."
Anmutig schlängelte er sich mit einem einzigen Flossenschlag ins Wasser und musterte das Floß.
"Damit kommt ihr sowieso nicht weit!"
Er tauchte in einem kleinen Strudel unter und war fort.
"Was wollte er uns zeigen?", fragte Ravin, der immer noch auf die Stelle starrte, an der der Naj verschwunden war.
"Was schon! Irgendwelche hübschen Weiden voller Wasserschnecken - möglichst tief unten auf dem Grund des Flusses. Und mit
dem Luftholen verschätzen sie sich jedes Mal, glaube mir."
Gegen Abend kehrten Amina und die anderen mit großen Stücken Treibholz und noch mehr geschnittenen Buschstämmen zurück.
Bis spät in die Nacht arbeiteten sie an dem Floß, bis es schließlich groß genug schien um die Sättel, die Vorräte und
ihre Schwerter zu tragen. Als der Mond bereits am Himmel stand, legten sie sich erschöpft auf das Floß.
Die Regenbogenpferde wateten im Flusswasser auf und ab. Ravin hörte sie und glaubte sogar, die Erschütterungen ihrer
Schritte im Ufergestein zu spüren. Ein Plätschern und ein leises Wiehern drang an sein Ohr. Er blickte hinüber zum
Wasser und sah die leuchtenden Leiber der Regenbogenpferde. Doch da war noch etwas. Ein Glitzern von Wassertropfen,
die im Mondlicht funkelten.
"He!", rief der Naj leise. "Ich sehe, dass du wach bist. Deine Augen leuchten wie zwei Mondfische. Komm her!"
Einen Moment überlegte Ravin, ob er Darian wecken sollte, dann stand er leise auf und ging zum Fluss. Der Naj hatte sich
halb aus dem Wasser erhoben, seine Finger berührten Vajus Mähne. Ravin wollte am Ufer stehen bleiben, doch der
Naj winkte ihn heran.
"Hast du immer noch Angst?", spottete er. "Komm, komm her!"
Vaju schüttelte eine glitzernde Tropfenkaskade aus ihrer Mähne. Zögernd watete Ravin ins Wasser. Ihm war mulmig zumute,
so dicht neben dem Naj im Wasser zu stehen. In Sichtweite gähnte die schwarze Kluft in der Flussmitte. Doch der Naj hatte
sich wieder den Pferden zugewandt. Dondo rieb den Kopf an seinem schuppigen Rücken. Ravin staunte über die Vertrautheit
dieser Geste. Die drei sehen aus, als würden sie ein Gespräch führen, wie alte Freunde, die sich lange nicht gesehen haben.
Oder vielleicht auch wie Liebende.
"Wie nennt man sie in eurer Sprache?", fragte der Naj.
"Tjärgpferde."
"Das passt zu euch. Ein Wort, so trocken wie ein Mund voll Staub."
Der Naj schöpfte eine Hand voll Flusswasser und ließ es über Vajus Stirn laufen. Vaju schloss die Augen und schnaubte.
"Willst du wissen, wie wir sie nennen?"
Der Naj gluckste, dann stieß er einen Laut aus, der wie ein Quietschen und ein Trillern gleichzeitig klang. Ravin glaubte
ein Wort herauszuhören.
"Jina?"
"So wie du es aussprichst, klingt es wie eine Beleidigung. Deine Zunge, dein Gaumen sind einfach zu plump! Ja, sie heißen
Jina. In unserer Sprache bedeutet das: 'Flinke, tanzende Wellen mit Mähnen aus Schaum.'"
Ravin lachte. "Ein einziges Wort für solch eine lange Beschreibung. Eure Sprache ist wirklich so kompliziert, wie Darian
erzählt hat."
"Nein", sagte der Naj. "Es verhält sich genau umgekehrt. Eure Sprache ist so einfach, weil sie keine Ewigkeit hat."
Prüfend musterten sie sich. Ravin hatte das Gefühl, dass der Naj sich nicht entscheiden konnte, ob er noch weiter mit ihm
reden sollte. Vaju drehte sich um und trottete zu Ravin. Der Naj beobachtete sie.
"Nun, Sprache hin oder her - die Jina mögen dich und deinen unhöflichen Freund. Ich habe euch lange beobachtet. Ihr wart nie
unfreundlich zu den Jina, ihr habt sie beschützt - zumindest solange ihr in der Nähe des Wassers wart. Du passt auf etwas auf,
was zu uns gehört, und wir passen auf etwas auf, was euch gehört. Und deshalb gebe ich dir etwas zurück, das du dem Wasser
geschenkt hast."
Eine Klinge blitzte im Mondlicht auf.
"Mein Messer!"
Ravin starrte atemlos auf die gebogene Klinge und den geschnitzten Griff. Das Messer musste tief, sehr tief im Wasser
gelegen haben, denn es war kalt wie Eis.
"Ich habe es vor vielen Monden verloren - an einem Bach, noch bevor wir in Jerriks Wald geritten sind!"
"Ich weiß", sagte der Naj kühl. "Und dir allein würde ich es niemals zurückgeben. Nur für die Jina. Falls du es brauchst um
sie zu schützen."
"Dann bist du uns bereits vor dem Wald begegnet? Du warst es, den ich gesehen habe, an dem Morgen, an dem wir Sella
getroffen haben!"
Der Naj wandte sich wieder Dondo zu und schwieg. Nach einer Weile richtete er seine glänzenden Augen wieder auf Ravin.
"Von nun an kann ich euch nicht mehr begleiten. Hier endet mein Weg, denn hinter der Biegung beginnt das Gebiet der Meernaj."
"Halt!", rief Ravin, als der Naj bereits untertauchen wollte. "Warte noch, bitte. Was ist mit dem Fluss passiert?
Warum ist hier ein Becken?"
Der Naj gab ein knarrendes Geräusch von sich, vielleicht ein Seufzen, vielleicht eine äußerung des ärgers und der Ungeduld.
"Schau nach oben!" Er deutete auf den Felskamm. "Felsen sind heruntergebrochen, deshalb kann der Fluss an dieser Stelle
nicht mehr fließen. Die Skigga ist ziemlich wütend."
"Die Skigga?"
"Bewacht die Grenze zu den Meernaj."
"Dann ist auch sie ein Naj?"
Die Fischaugen blickten ihn an und zum ersten Mal glaubte Ravin eine Regung darin zu erkennen.
Es war Verachtung.
"Ganz bestimmt nicht!", sagte der Naj und tauchte weg.
*
"Von einer Skigga habe ich noch nie etwas gehört", flüsterte Darian. Ladro und Mel Amie blickten zweifelnd auf die glatte
Wasserfläche.
"Vielleicht ist sie nur ein Wasserschläfer, dann wird sie uns nichts tun."
"Ja", sagte Mel Amie trocken. "Und vielleicht ist sie nur eine riesige Seeschlange, die Hunger hat, seit der Fluss nicht mehr
genug Fische ins Becken spült."
Das Floß war bepackt und dümpelte, bereit zum Ablegen, am Ufer. Sie hatten sich ihrer Kleidung zum größten Teil entledigt.
Mel Amie schnallte sich das gebogene Sichelmesser um, band sich ihr Schwert ans Handgelenk und watete bis zu den Hüften in
das kalte Wasser. Zum ersten Mal schaute Ravin die Kriegerin richtig an. Sehnig und breitschultrig war sie, Muskelstränge
zeichneten sich auf ihrem Rücken ab. Ihre Haut war dunkel und wie gegerbt, wie eine Landkarte leuchteten die hellen
Muster vieler Narben auf ihrem Rücken. Neben ihr wirkte Amina wie ein halb verhungertes Kalb neben einem alten kampferprobten
Ranjög. Dennoch war die alte Kriegerin blass, auch wenn sie ihre Angst zu verbergen suchte. Ladro hatte noch kein Wort
gesprochen und starrte drohend das Wasser an, als könnte er Skigga, wer oder was sie auch sein mochte, auf diese Weise
einschüchtern.
"Noch können wir umkehren", sagte Mel Amie.
"Und zurückkehren und Zeit verlieren?", warf Darian ein.
"Wenn wir zügig schwimmen, haben wir das andere Ufer erreicht,bevor die Sonne über dem Bergkamm steht." Ravin hoffte, dass
seine Stimme munter und mutig klang, auch wenn ihm das Herz bis zum Kinn pochte und seine Knie weich waren. Allein der
Gedanke, in dieses schwarze Wasser zu steigen, flößte ihm Entsetzen ein. Aminas Banty legte die Ohren an und schnaubte,
die Horjun-Pferde zerrten am Zügel und trappelten auf der Stelle. Nur Vaju und Dondo tauchten ihre Mäuler mit Begeisterung
in das dunkle Wasser.
"Zumindest gibt es hier noch keine brennenden Fische", brummte Mel Amie und watete weiter ins Wasser.
Ravin zog Vaju und das größere der Horjun-Pferde hinter sich her, bis er das Floß zu fassen bekam. Amina und Ladro folgten
ihm und hielten sich an der gegenüberliegenden Seite des Floßes fest. Darian hängte sich hinten an, mit Dondo und dem Banty
im Schlepptau. Das Banty wehrte sich und quiekte entsetzt auf. Erst als Darian es mit einem gemurmelten Zauber beruhigte,
der ihm zu gelingen schien, folgte es ihnen zögernd in das Wasser.
Bereits nach wenigen Schritten verloren sie den Grund unter den Füßen. Mit jedem Schwimmzug wurde das Wasser kälter. Nur das
Schnauben der Pferde und das Knarzen der Lederriemen, die das Floß zusammenhielten, waren zu hören. An seinen Beinen spürte
Ravin eine Bewegung. Beinahe hätte er aufgeschrien, doch im selben Moment begriff er, dass es nur das Wasser war, das durch
die Tritte der Pferdebeine aufgewirbelt wurde. Vorsichtig wagte er einen Blick nach unten. Im selben Moment wünschte er, er
hätte es nicht getan. Sie schwammen über einer blauschwarzen Unendlichkeit. Ravin konnte nicht einmal seine Beine erkennen,
das Nichts schien sie zu verschlucken. Schnell zwang er sich wieder zum gegenüberliegenden Ufer zu schauen. Es ist nur ein
Wasserschläfer, tröstete er sich. Sie sind riesig und werden ungemütlich, wenn man sie auf dem Grund stört. Aber wir
schwimmen an der Oberfläche. Skigga wird uns gar nicht bemerken.über den Floßrand hinweg sah er Aminas angestrengtes Gesicht.
Mel Amie schwamm verbissenen, den Blick stur auf das Ufer gerichtet. Ravin erkannte bereits die Sträucher, außerdem weißes,
zersplittertes Gestein und scharfkantige, zerbrochene Felsen, die einen Wall bildeten. Dennoch konnte er die Kälte nicht
vergessen, die an seinen Beinen hinaufkroch. Schon spürte er seine Zehen nicht mehr. Hinter ihm schnaubten die Pferde.
"Gleich sind wir drüben!", keuchte Darian. Keiner antwortete ihm, doch sie verdoppelten ihre Anstrengungen. Ravin glaubte,
wenn er noch viel länger in diesem kalten Wasser aushalten müsste, dann würden seine Beine erlahmen und er in der Tiefe
versinken wie ein Klumpen Eisen.
Eine kleine Welle schwappte über das Floß und durchnässte die Mäntel und Felle, die darauf lagen. Eine Welle?, dachte Ravin.
Seine Beine kribbelten in der Erwartung, gleich schuppige Klauen zu fühlen, oder Zähne, die sich wie Dolche in seine Schenkel
gruben. Panik kroch ihm über den Rücken. Dann zerrte ein kleiner Sog an seinen Beinen. Er warf sich zur Seite und klammerte
sich mit beiden Händen an das Floß. Das Banty begann verrückt zu spielen und warf den Kopf im Wasser hin und her.
"Was ist?", rief Ladro.
Der keuchende Atem der Pferde hallte über den glatten See.
Plötzlich schnitt der Riemen des Zaumzeugs tief in Ravins Hand. Ravin zerrte an den Zügeln, doch seine Hand war wie
festgenagelt. Ein Ruck ging durch seine Finger. Etwas Haariges strich an seinem Knie vorbei. Einen Atemzug später riss ihn
der Zügel nach unten. Wasser drang ihm in Mund und Nase, das Floß verschwand, er hörte Darian schreien, doch der Schrei
wurde abgehackt, als das Wasser über Ravins Kopf zusammenschlug.
In seinen Ohren dröhnte es. Er strampelte und zwang sich endlich seine Faust zu öffnen. Der Riemen wurde so schnell durch
seine Hand gezogen, dass sich glühender Schmerz in seiner Handfläche ausbreitete. Mit aller Kraft kämpfte er sich zurück
zur Wasseroberfläche. Das Floß trieb bereits außerhalb seiner Reichweite. Darian entdeckte ihn als Erster, schrie etwas,
was Ravin nicht verstand, und schwamm ihm entgegen. Ravin wischte sich das Wasser aus den Augen, seine Lungen taten weh,
er bekam kaum Luft. Um ihn herum war das Wasser rot. Im ersten Moment dachte er, es käme von seiner Hand, doch nach wenigen
Schwimmzügen bemerkte er, dass er durch eine riesige Wolke von Blut schwamm. Rötlicher Schaum kräuselte sich auf den Wellen.
Als Ravin das Floß beinahe erreicht hatte, griff er in ein Büschel blutiges Mähnenhaar, an dem ein Fetzen schwarzes Fell
hing.
"Ravin, schwimm!", schrie Amina.
Im selben Moment begann das Wasser zu brodeln.
c) Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2003
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