Leseprobe "Im Reich des Glasvolks"

Kapitel "Ambras Erbe", Seiten 33 bis 42


Sie aßen das Jalafleisch und starrten in die Glut. Amina legte sich die Dunkelheit stets um wie einen wohligen Mantel – ein befremdliches Zugeständnis an den Teil ihres Wesens, der den Woran gehörte. Ihre Augen wurden zu blauen Fackeln in der Nacht, das Haar war dunkler denn je. über ihrem Gesicht lag der Schatten. Ihre Hände, in denen die Jalafrucht aussah wie ein triefendes Stück Fleisch, hatten einen dunklen Glanz bekommen. Jeder andere hätte geschaudert, doch Jonnvinn kannte diese Seite ihrer Großmutter so gut, dass sie sich nicht mehr von dem kalten Hauch der Woranmagie berühren ließ. Ihre Großmutter war müde. Sie war eine Halbworan – und je erschöpfter sie war, desto mehr trat diese finstere Seite an ihr hervor. Die Hallgespenster ließen sich nicht blicken, wenn sie mit dieser Aura aus Dunkelheit den Wald betrat.
„Ich danke dir, dass du mich begleitest“, sagte Jonn.
Amina lächelte und zuckte die Schultern.
„Ach Jonnvinn. Das kurze Wegstück – es ist nichts, gar nichts. Früher war ich viele Monde lang auf Reisen.“
Gedankenverloren berührte sie die verblasste Narbe an ihrer Stirn.
„Erzähl mir davon", bat Jonn. "Damals hast du erfahren, dass du zu den Woran gehörst, nicht wahr? Warum gibt es diesen Fluch in deiner Familie?" Noch nie zuvor hatte sie diese Frage gestellt. Man fragte Amina nicht nach ihrer Geschichte. Hundertmal hatte man es Nive und ihr eingebläut. Eine Halbworan zu sein war ein Unglück, ein Fluch und eine Gefahr, die Amina auf Schritt und Tritt verfolgte.
Libun wieherte leise. Als Jonn zum Flussufer blickte, sah sie das Regenbogenpferd mit gespitzten Ohren dastehen. Drei fließende Gestalten hatten sich aus den Fluten erhoben, streckten die glasklaren Finger aus und berührten voller Ehrfurcht Libuns Mähne. Silbrige Fischaugen glänzten im Mondlicht. Die zischelnden, murmelnden Laute der Najsprache vermischten sich mit dem Schlaflied der Wellen.
„Die Naj“, flüsterte Amina und lächelte. „Erinnert dich das an etwas, Jonnvinn? Nive ist das Regenbogenpferd und du bist der Naj – du suchst sie, du liebst sie, du folgst ihr und findest sie, wo immer sie auch ist. Und dennoch seid ihr so verschieden. Nur euer Ursprung ist gleich: Naj und Regenbogenpferde stammen aus dem Wasser – Nive und du, ihr habt dieselben Eltern.“
„Und was ist mit dir?“, beharrte Jonn. „Du entstammst zur Hälfte den Woran, Großmutter.“
Aminas Gesicht verfinsterte sich noch mehr. „Nun gut, Jonnvinn. Ich weiß ja, dass du nicht aufgibst, wenn du etwas wissen willst. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich dir etwas verrate, was ich bisher nicht einmal deiner Mutter erzählt habe.“ Sie holte Luft und rückte näher an das Feuer heran. Ihr Lächeln war angespannt, im Schein des Feuers sah sie schöner aus, aber auch gefährlicher. „Deine Urgroßmutter hieß Ambra“, begann sie. „Lange bevor Ravin und ich uns begegnet sind, lebte Ambra mit mir in den Bergen. Mit den Woran hatte sie nichts zu tun – noch nicht. Sie war eine Shanjaar, eine Heilerin, ähnlich wie du. Ich erinnere mich an die Tage, an denen wir von Dorf zu Dorf wanderten und an die Winternächte, die wir in Höhlen verbrachten. Ambra liebte die Berge, aber sie hasste ihre Machtlosigkeit dem Schicksal gegenüber. Sie sah Kinder sterben, ohne dass sie etwas dagegen ausrichten konnte. Sie musste zusehen, wie das Bergfieber meinen Vater dahinraffte, bevor ich geboren wurde.
Da genügte es ihr nicht mehr, eine Heilerin zu sein. Sie wollte Macht haben, Macht über das Schicksal. In dieser Hinsicht erinnert mich Nive an sie. Auch sie wäre bereit, jeden Preis zu zahlen.“ Sie seufzte und stocherte mit einem glimmenden Zweig in der Glut. Von einem Geräusch der Nacht aufgeschreckt ließen sich die Naj ins Wasser zurücksinken und verschwanden mit schnellem Flossenschlag. Sehnsüchtig blickte Libun ihnen nach.
„Sie rief die Woranmagie“, sagte Amina, „Noch bevor ich geboren wurde. Wie so viele dachte sie, dass sie die Kräfte des Blutmonds nutzen konnte, ohne ihre Seele dabei zu verlieren. Und es schien ihr zu gelingen, denn einen Sommer lang geschah nichts und sie nutzte ihre neuen Kräfte ohne Gefahr. Doch die Woran lassen sich nicht täuschen – und als ich zur Welt kam und heranwuchs, nahmen sie sich, was ihnen gehörte."
"Dich?"
"Mich und sie. Eines Nachts wachte ich auf und sah Ambra im Mondlicht stehen. Traum vermischte sich mit Wirklichkeit und ich hoffe bis zum heutigen Tag, dass ich die Wesen, die sich auf dem Berg versammelten, nur geträumt habe. Sie kamen aus den Schatten, ihre Klauen schabten auf dem Fels. Blaue Augen glühten in der Dunkelheit. Und meine Mutter stand mitten unter ihnen und sprach Worte mit einer fremden Stimme. So erwachte der Fluch, der sich in dieser Nacht den Weg durch ihre Adern zu ihrem Herzen suchte. Und auch ich spürte ihn, denn auch wenn mein Vater ein Mensch war, gehörte ich doch zur Hälfte den Woran – auch wenn ich es damals noch nicht verstand. Der Himmel verwandelte sich in ein Meer aus kochenden Wolken, zwischen denen wie ein Totenschädel der Blutmond hervorgrinste. Ambras Haar begann zu knistern, als trüge sie ein Haupt aus Schlangen, ihre blauen Augen wandten sich mir zu. ‚Schlaf!’, murmelte sie und eine unsichtbare, schwere Hand zwang mir die Lider zu.“ Jonn schauderte und schwieg. Die Schatten schienen nach ihr zu greifen und sie wünschte sich nichts so sehr herbei wie die Morgensonne.
„Am nächsten Tag war sie müde“, fuhr Amina mit leiser Stimme fort. „Und am Tag darauf noch erschöpfter. Schatten lag auf ihrem Gesicht, ihr Haar wurde dunkler. Es gab Tage, da erkannte ich sie kaum, und dann wieder Tage, an denen sie weinte und ihr Schicksal beklagte, ihre Vermessenheit, sich den Fluch gewünscht zu haben, noch bevor ich auf die Welt kam. ‚Ich dachte, ich hätte einen Weg gefunden, mir nur die Macht zu nehmen und Schatten zu Licht zu machen’, sagte sie einmal zu mir. Da hatten sich die drei Monde längst in ihre Haut gebrannt, ihre Finger waren Vogelklauen, ihr Gesicht blauschwarz und seelenlos. Selbst ihre Stimme war nicht mehr Ambras Stimme. Und dann, eines Nachts, entdeckte ich meine Mutter, die nicht länger meine Mutter war. Sie beugte sich über ein erlegtes Ranjög. Magie sträubte das Fell des toten Tiers. Blut klebte an Ambras Händen – sie erkannte mich nicht mehr und fauchte mich an, als wäre ich ein Raubtier, das ihr die Beute streitig machen wollte. Am Tag darauf sprach sie nicht mit mir, sie umarmte mich ein letztes Mal und ging.“ Trauer ließ Aminas Stimme dumpf klingen. „Im Krieg in Skaris wurde sie getötet, in einem der Augenblicke, als sie noch in ihre menschliche Gestalt zurückkehren konnte.“
„Sie hat dich verlassen?“
Amina nickte. „Auch ich wollte deinen Großvater verlassen, als der Fluch in mir erwacht ist. Ich hatte Glück – ich bin nur eine Halbworan. Deshalb lebe ich mit dieser anderen Gestalt, dieser zweiten Amina, die nur in mir erwacht, wenn ich schwach bin. Aber es macht müde, so unendlich müde, und ich danke Elis und allen anderen Göttern jeden Tag, dass der Fluch, der sich von Kind zu Kind
vererbt, in jeder Generation schwächer wurde. Deine Mutter Haliz spürt ihn kaum und du und Nive, ihr seid frei von den Verführungen des Blutmonds.“
„Was meinst du mit Verführung? Es ist ein Fluch, oder nicht?“
Amina seufzte und starrte in den Wald, als würde sie dort etwas betrachten, das nur sie wahrnehmen konnte. „Weißt du, was eine alte Heilerin, die ich vor vielen Sommern getroffen habe, zu mir und deinem Großvater sagte? 'Alles ist nur ein Spiegelbild der Unendlichkeit. Leben, Lachen, Sterben – das Dunkle und das Helle.' Eine Verführung kann ein Fluch sein und ein Fluch eine Verführung – und nur zu oft ist es etwas von beidem.“
„Du bist zu einer Heilerin gegangen? Hast du gehofft, sie würde dich vor dem Blutmond bewahren?“
Im Wald war es kühl geworden, wie der Vorbote der Winterstürme fegte ein kalter Wind durch das Unterholz. Aminas Augen blitzten amüsiert auf.
„So etwas Abwegiges hätte ich mir niemals erhofft. Nein, die Heilerin hatte uns gerettet, als wir in den Bergen von Skaris beinahe getötet worden wären.“
„Du meinst Skaardja, die Magierin, die Lehrmeisterin von Darian Danalonn“, rief Jonn. „Ihr habt sie auf der langen Reise getroffen, die Großvater angetreten hat, um Skaardjas magische Quelle zu finden. Er sagte mir, Skaardja wollte nicht mit dir reden, weil du zur Woran wurdest.“
„Oh, geredet hat sie mit uns allen. Sie konnte durch die Zeit reisen, weißt du? Sie konnte an vielen Orten gleichzeitig sein. Sie war alt und weise und auch hart. Sehr hart sogar. Aber ohne sie wären wir jetzt nicht hier, unsere Knochen würden in verschütteten Verliesen verrotten und Tjärg und die anderen Länder wären versklavt.“ Amina lächelte. „Skaardja war der erste Mensch, der mir etwas über die Woran erzählte. Willst du wissen, wie sie entstanden sind?“
Jonn stutzte. Sie wusste, dass Amina es liebte, die Leute zu verblüffen und durch ein Labyrinth aus erstaunlichen Wendungen zu führen.
„Diese Geschichte hast du noch nie erzählt“, meinte sie. „Bist du sicher, dass sie dir nicht soeben zugeflogen ist?“
„Misstrauische Jonnvinn!“, spottete Amina. „Hör einfach zu! Wahr ist, dass wohl niemand die wahre Geschichte der Woran kennt. In jedem Land erzählt man etwas anderes. In meiner Heimat Skaris sagte man, dass die Woran von den Erweckern der Felsen geschaffen wurden. Göttern gleich wollten sie das Dunkle vom Hellen trennen und sich untertan machen. Eine Armee wollten sie erschaffen, unbesiegbar wie die Nacht. Von jedem Lebewesen nahmen sie also das Dunkle – das Gift der Eifersucht, die Schwärze der Trauer und die Düsternis der Seele von den Talvölkern. Sie nahmen die Mordlust der Ranjögs und vermengten sie mit der Habgier der Bergclans. Vom Feuer nahmen sie den dunkelsten Teil der Flamme und gaben ihren Geschöpfen dessen Blau für die Augen. Vom vierbeinigen Adler stahlen sie zwei Klauen, mit denen die Woran ihren Feinden das Herz aus dem Leib reißen sollten. Doch als sie endlich die Nacht selbst riefen, die ihren Geschöpfen Leben einhauchen sollte, da erwachten diese schon vor dem ersten Atemzug. Sie töteten die Erwecker der Felsen, verschlangen sie und tranken mit ihrem Blut die Macht. Wir sind Verschlinger, Jonnvinn. Verschlinger des Lichts und des Lebens.“

c) Verlag Carl Ueberreuter, 2006



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