Leseprobe "Katharina"

Kapitel "Sinaida Samojedskaja", Seiten 79-84


"Eins, zwei, drei vier! Eins, zwei, drei vier!" Die Stimme dröhnte in Sinaidas Kopf. Alle Stühle und Sessel waren an die Wand gerückt, der Tisch lag auf der Seite wie ein auf dem Schlachtfeld gefallenes Pferd, das im Todeskampf die Beine steif von sich gestreckt hatte. Das Zimmer war sechzehn große Schritte lang und zwanzig mittellange Schritte breit. Dennoch musste Sinaida aufpassen, die letzten Schritte nicht zu groß zu machen. Zu leicht konnte es passieren, dass man mit der geschulterten Muskete die Bilder oder Standarten von den Wänden fegte, wenn man kehrt machte. Wenigstens musste sie nicht länger wie die anderen Frauen bei Hof einen dieser grässlichen Reifröcke tragen, weil sie damit ständig die zierlichen, französischen Stühle umwarf. Stattdessen hatte man ihr ein dunkelrotes Kleid anfertigen lassen, das mit verschiedenen Pelzen verbrämt war und sie noch exotischer aussehen ließ. Sie wusste, was für einen fremdartigen Anblick sie inmitten der Hofgesellschaft bot mit ihren schrägen Augen, der dunkleren Haut und dem langen, glatten Haar, das jedem Lockenstab widerstand.
"Rechtsrum, fünf Schritte, linksrum, fünf Schritte, Ausgangsposition, salutieren!" Die herrische Stimme des Großfürsten hallte durch den Raum. In seiner Gardeuniform stand er zwischen den Fenstern und hielt den spanischen Stock erhoben, mit dem er exerzierte. Natürlich trug er nicht die russische Uniform, sondern einen preußischen, blauen Uniformrock, dazu Ringkragen, Schärpe und Handschuhe. Sein mit Narben übersätes Gesicht war vor Konzentration verzerrt. Sinaida schwenkte herum und kam zum Stehen. Hinter ihr stolperte Narziss und stieß mit seiner Muskete gegen den Ofenschirm. Das brachte wiederum den alten Kammerdiener am Ende der Reihe aus dem Takt, der ohnehin Mühe hatte, die schwere Waffe auf seiner Schulter zu balancieren. Großfürst Peter lief rot an und riss sich vor Wut den Dreispitz vom Kopf. "Trottel!", brüllte er. "Alle beide! Wollt ihr etwa den Feind gewinnen lassen?"
"Nein, kaiserliche Hoheit!", beteuerten die beiden Soldaten und beeilten sich, den Ofenschirm wieder aufzustellen und neben Sinaida Haltung anzunehmen. Narziss schielte zu ihr und rollte kurz mit den Augen, seine Haut, die den Farbton von dunklen Kastanien hatte, glänzte in der heißen Nachmittagssonne, die durch die großen Fenster fiel. Sinaida beobachtete, wie ein Schweißtropfen über seine Schläfe rann. Draußen lag der Sommer träge und schwer über den Wäldern. Doch der Großfürst dachte nicht daran, auf die Jagd zu gehen wie die übrige Hofgesellschaft, die in der Sommerresidenz Oranienbaum weilte. "Muskete bei Fuß! Muskete schultern! Zurück, marsch! Und marschieren, eins, zwei, drei, vier ..."
Sinaidas Körper setzte sich beinahe von selbst in Bewegung. Die Waffe lag schwer auf ihrem Schlüsselbein, und dort, wo der Kolben gegen die Handfläche drückte, hatte sich schon vor einigen Wochen eine Schwiele gebildet. Manchmal, wenn Sinaida wach lag und im Zwielicht der hellen Sommernächte die schlafenden Frauen im Zimmer betrachtete, tastete sie nach dieser verhornten Stelle und ging in Gedanken immer und immer wieder die Handgriffe durch, mit denen sie die Waffe beherrschte. In diesen Augenblicken war sie nicht Sinaida, sondern Nandu. Inzwischen machte es ihr nicht mehr viel aus, bei Tag einen fremden Namen zu tragen. Namen bedeuteten an diesem Hof weniger als nichts. Wer neu hierher kam, erhielt auch einen neuen Namen. Selbst der Großfürst hatte früher einen viel längeren und fremderen Namen gehabt: Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp. Und dass er seinen Namen ändern musste, hatte Nandu gezeigt, dass auch er nur ein Gefangener dieser verrückten, mächtigen Frau war. Alle Menschen waren Gefangene der Zarin, obwohl nur wenige von ihnen gefesselt waren. Mehr noch, sie gehörten dieser Frau, obwohl sie sich in den Parks, den Gemächern und in den Ställen frei bewegen durften. Die Fessel, die sie hielt, war unsichtbar, dafür aber umso stärker. Anfangs hatte Nandu diese Fessel nicht wahrgenommen und hatte mehrmals versucht zu fliehen, doch jedes Mal hatte man sie zurückgeholt und hart bestraft. Aber erst an dem Tag, an dem man sie in einen schmutzigen Hof geschleppt hatte, wo sie zusehen musste, wie ein Mann ausgepeitscht wurde, hatte sie begriffen, dass sie einen anderen Weg in die Freiheit finden musste, wenn sie nicht mit zerfetzter Haut und schweren Wunden in einer Gefängniszelle enden wollte.
Nachts vergaß Sinaida jedoch stets, dass sie eine Gefangene war, und verwandelte sich wieder in Nandu. Dann setzte sie sich in ihrem Bett auf und nahm einen Stock zur Hand manchmal einen Spazierstock, manchmal einen Ofenschürer und übte damit die militärischen Handgriffe ein. Am Ende der übung legte sie das imaginäre Gewehr an die Schulter und zielte mit geschlossenen Augen auf das Bild, das in ihrem Geist vor ihr erstand. Und sie zielte sehr genau.
"Ihr müsst die Karabiniers und die Kürassiere mit der kalten Waffe losziehen lassen", schnarrte Peter nun. "In geschlossener Formation, das ist Friedrichs Taktik. Wer wird den verdammten Krieg gewinnen, wer, Trottel?"
"Russland, so Gott will", murmelte der alte Diener, den der Großfürst angesprochen hatte. In jedem anderen Gemach wäre das die richtige Antwort gewesen. Aber nicht in diesem. "Idiot!", brüllte der Großfürst. "Du betest also für Holsteins Feinde?" "Nein ... Kai... Kaiserliche Hoheit ...", stotterte der Alte.
"Soldat!", wandte sich der Großfürst nun an Sinaida. Sie nahm Haltung an. "Betest du für Holsteins Feinde?"
"Nein!", antwortete sie mit fester Stimme.
"Und wie gehen wir vor, Soldat?"
"Peletonfeuer von der Flanke und dann Rückzug!"
"Großartig, Soldat! Wegtreten! Den Pulverturm bewachen!"
Sinaida trat neben die Tür und schulterte die Muskete. Sie konnte sich weder unter einem Pulverturm noch unter einem Peletonfeuer etwas vorstellen, aber darauf kam es auch gar nicht an. Es kam nur darauf an, sich die Wörter zu merken und sie zur richtigen Zeit wiederzugeben. Das genügte, um den Besessenen, wie sie den Großfürsten nannten, zufrieden zu stellen. Ja, er war besessen besessen von einem Wort, das sich "Holstein" nannte. Es war seine Heimat, irgendwo in einem weit entfernten Land, vielleicht hinter dem Meer, vielleicht in den Bergen, wer wusste das schon. Es war nicht wichtig, wichtig war nur, dass auch der Großfürst eine ferne Heimat hatte, nach der er sich so sehnte, dass er heimlich, wenn die Zarin nichts davon wusste, die Uniform dieses fremden Landes trug. Diese Sehnsucht verstand und respektierte Sinaida und sie trug die Schärpe, die ihr Großfürst Peter heute umgelegt hatte, mit Achtung und Ernst. Sie verstand den Mann und sie verstand sogar seinen Zorn darüber, dass seine Heimat gerade mit Russland im Krieg lag. Irgendwo in einem anderen Land kämpften holsteinische Soldaten gegen russische Regimenter. Natürlich betete Peter für seine Heimatsoldaten. Und natürlich wurde er verrückt darüber und die Besessenheit ließ ihn zappeln und nervös sein, sie brachte seine Finger dazu, unablässig auf irgendwelche Gegenstände zu trommeln und verzerrte sein Gesicht zu einer Grimasse. Oh ja, Sinaida verstand ihn gut. Denn auch sie selbst war besessen wenn auch von etwas ganz anderem.
"Artillerie!", brüllte der Großfürst. "Das ist Friedrichs Geheimnis! Die Artillerie! Und jetzt los! Marschieren! Eins, zwei, drei, vier ..."
Und er trieb die erschöpften Diener weiter und weiter, immer im Zimmer herum, links- und rechtsherum, zu den Fenstern und am Kamin vorbei. Unterdessen stand Sinaida reglos neben der Tür und spürte das beruhigende Gewicht von Holz und Metall auf der rechten Schulter. Es war ein sicheres Gefühl, auch ohne Munition. Denn eines Tages würde Nandu einem bärtigen, eisäugigen Mann gegenüberstehen. Und dann, das hatte sie sich in den unzähligen Nächten immer wieder geschworen, würde die Muskete geladen sein.

c) Verlag Ravensburger, 2007



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