Leseprobe "Das Königreich der Kitsune"
Aus dem Kapitel: "Lichter der Großstadt"
Alles glühte und blinkte! Ein Meer aus Leuchtballons tauchte die Straßen in taghelles Licht. Lampiongirlanden zogen sich
wie Weihnachtslichterketten unter den geschwungenen Häuserdächern entlang, die mit Holzfratzen und Fabeltieren verziert
waren. überall wimmelte es nur so von Menschen - Tobbs sah Herren mit lackierten Masken und Frauen, die ähnlich prächtige
Gewänder trugen wie Ger Ti Benten. Aber er sah auch Handwerker in zerschlissenen Baumwollgewändern, Bettler und andere
abgerissene Gestalten, die sich in den spärlichen Schatten der Stadt herumdrückten. Beunruhigt hielt er nach
Raubtieraugen Ausschau, aber zum Glück schienen hier nur ganz gewöhnliche Menschen unterwegs zu sein. Menschen allerdings,
die sich um jeden Preis amüsieren wollten.
"Ah, Gäste aus dem Ausland! Willkommen!", rief ein Mann mit einer Kranichmaske ihnen zu. "Tretet näher und tanzt mit der
achtarmigen Frau den Spinnentanz!"
Aufdringlich zupfte er an Tobbs' ärmel und deutete auf ein riesiges Werbeschild, auf dem Hunderte wimmelnder Leuchtmaden
die Aufschrift "Katziguros Arachnorama" bildeten.
"Gegrillte Grillen, knusprige Kakerlaken", schrie ein Händler und streckte Anguana ein frittiertes Insekt am Spieß
hin. "Spezialität des Landes. Woher kommst du, hübsches Mädchen?"
"Los, weiter", zischte Tobbs Anguana zu und zog sie mit sich.
"Nette Perücke!", rief der Grillenverkäufer ihnen hinterher.
Hastig schob Anguana die verrutschte Haarsträhne wieder unter ihr Kopftuch.
Sekunden später ließen sie sich inmitten einer Gruppe singender Leute durch die Straße treiben, die als Suppenschüsseln
verkleidet waren und lautstark singend für "Alisakas Restaurant" warben.
"Wir sollten uns auch Masken und andere Kleider besorgen", flüsterte Anguana Tobbs zu. "Sonst werden wir sofort als
Fremde erkannt."
"Papiere und Siegel!", schnarrte eine Stimme neben ihnen. Tobbs machte vor Schreck einen Satz nach hinten. Vor ihnen
stand ein Mann mit einem rasierten Viereck auf dem Schädel. Er trug eine grüne Uniform und einen breiten
Seidengürtel. Seine Hamsterbacken wackelten, während er Anguana von Kopf bis Fuß musterte. "Na, wird's bald, Mädchen?"
Es dauerte einige Sekunden, bis Tobbs begriff, dass der Mann ihn nicht ansprach, weil er ihn für einen Städter hielt.
Kein Wunder, schließlich sah Tobbs mit seinem glatten schwarzen Haar und den leicht schrägen Augen aus wie ein ganz
normaler Domaner.
"Papiere?", fragte Anguana verdutzt. "Was denn für Papiere?"
"Du bist Gast in Haturo, das sieht ein Blinder! Und jeder Ausländer muss sich ausweisen - mit gültigen Papieren und
dem Siegel vom Stadtbüro!"
"Stadtbüro?", fragte Anguana noch ratloser.
Tobbs wusste, was in ihr vorging: Der Kontrolleur hätte genauso gut eine Katze fragen können, wie die Quadratwurzel aus
487 lautete. Anguana hatte noch nie etwas von Ausweispapieren gehört. Sie kam aus den Bergen, ihre Welt waren Schluchten,
Quellen und magische Bäche. Und sie hatte noch nie im Leben so viele Leute auf einem Haufen gesehen.
"Sie ist gerade erst angekommen und hat noch keine Papiere", erwiderte Tobbs schnell. "Aber ich wollte sie eben zum Büro
bringen."
Der Beamte kniff misstrauisch die Augen zusammen. "Dann lauft ihr aber in die falsche Richtung, Junge. Man könnte meinen,
ihr wollt direkt ins Vergnügungsviertel."
Er rückte unangenehm nah an Tobbs heran und schnupperte, als wollte er feststellen, ob Tobbs ein faules Ei sei. "Bah! Du
stinkst nach Wald!", rief er. "Bist du etwa ein Magischer?"
Die letzten Worte waren von einem Pieksen seines Zeigefingers in Tobbs' Brustbein begleitet.
"He!", sagte Tobbs warnend. "Finger weg! Ich bin kein 'Magischer'!"
"Wirklich?" Pieks. "Deine Fratze gefällt mir aber trotzdem nicht!" Pieks, pieks. "Vielleicht sollte ich dich in die Kammer
der Ketten werfen lassen? Pieks. Da lernst du vielleicht ein bisschen Höflichkeit!" Bohr.
"Wer ist hier unhöflich?", erwiderte Tobbs empört. "Nimm gefälligst deine Pfoten von mir!"
"Da seid ihr ja!" Eine kräftige Hand packte ihn von hinten und zog ihn ein Stück von dem Beamten weg. "Wir suchen dich
schon die ganze Zeit!"
Völlig verdattert ließ Tobbs es zu, dass er von einem ... Goldfisch? ... umarmt wurde wie ein lange vermisster
Freund. Rote Seide mit Schuppenmuster knisterte, ein Fischgesicht mit schielenden Glubschaugen glotzte ihn an.
"Und die neue Tänzerin für die Prozession des Fürsten hast du auch mitgebracht! Guter Mann!", setzte ein zweiter Mann
in der Verkleidung eines achtarmigen lila Kraken hinzu. Seine Stimme klang dumpf und hohl, als stammte sie aus einem
Grab.
"Hier, unsere Papiere!", sagte der Goldfisch und zückte ein Kuvert. Darauf prangte ein Siegel in Form einer Blüte. "Die
zwei gehören zu uns - Theater der Gezeiten. Die Frau ist unser ausländischer Gaststar aus ... äh ... Kandara. Der Fürst
kann kaum erwarten, sie schwimmen zu sehen."
Der Beamte runzelte die Stirn und studierte die Papiere. Die Aussicht, dass der Fürst persönlich Anguana kennenlernen
wollte, schien ihn zu beeindrucken.
"Für die Prozession am Festtag, ja?", knurrte er. Sein Zeigefinger schoss in die Höhe und zielte direkt auf Tobbs'
Nase. "Der da sieht aber nicht so aus, als könne er schwimmen!"
"Ihr habt Recht, Herr! Ihr habt Recht, gut erkannt, wie klug von Euch, Herr!", schleimte der Goldfisch und machte
einen tiefen Bückling.
Ein kriecherischer Goldfisch, dachte Tobbs. Ich stamme aus einem seltsamen Land.
"Aber wir brauchen ihn", fuhr der Fisch fort. "Für das Aquarium der tausend Wunder, er muss ..."
Ein schriller Pfiff des Beamten unterbrach ihn. "Wache!", rief er zwei bulligen Kerlen mit verquollenen Schlitzaugen
zu. "Den Kerl da ohne Kostüm. Festnehmen!"
"Los, mach hin, Schankjunge!", zischte der Krake, hakte Tobbs und Anguana einfach unter und zog sie mit sich in eine
Seitengasse. "Und jetzt rennt!"
Tobbs raste los, während er leise vor sich hin fluchte. Fünf Minuten in der Stadt und schon kamen sie mit dem Gesetz
in Konflikt! Na wunderbar.
Wenigstens schien Krake zu wissen, wo er hinmusste. Seine acht Arme wippten bei jedem Satz auf und ab, was ihm das
Aussehen einer aufgeregt wedelnden alten Tante gab. Trotzdem flitzte er erstaunlich schnell die schmale Gasse
entlang, dicht gefolgt von Tobbs und Anguana. Hinter ihnen ertönten Rufe und Getrappel. Verirrte Motten klatschten
gegen Tobbs' Stirn und puderten sein Gesicht mit leuchtendem Flügelstaub. Passanten sprangen zur Seite, als sie den
wild gewordenen Tintenfisch herandonnern sahen. Und mitten unter den Gesichtern, die vorüberhuschten, fiel Tobbs ein
schmales Gesicht mit goldenen Augen auf. Ein junges Mädchen mit goldfarbenen Augen starrte nicht den Kraken an,
sondern ihn! Und der Anblick schien sie zu verblüffen, denn ihr klappte regelrecht die Kinnlade nach unten.
c) Verlag Ravensburger 2008
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