Leseprobe "Im Labyrinth der alten Könige"

Kapitel "In der Halle der alten Könige"


Mit Avia und den anderen Zauberern aus Lom an der Spitze zog die Prozession durch das riesige Tor des Handelspalasts. Rechts und links an den Straßen hatten sich wieder Menschen versammelt, die ihnen zuwinkten oder sie einfach nur anstaunten. Doch die Zauberer waren in diesen Tagen nicht die einzige Attraktion in Runa. Das Salzfest begann und würde drei Tage dauern - die ersten Händler bauten ihre Stände auf. Salzschleifer hatten ihre Arbeitstische auf die Straße vor ihre Werkstätten gestellt und formten vor den bewundernden Augen der Passanten grobe Salzklumpen zu schillernden Figuren der Salzprinzessin Anila oder zu winzigen Regenbogenpferden, die aus einer Welle erwuchsen. Musiker stimmten ihre Instrumente. Gebratene Grottenolme, die an dünnen Spießen steckten, wurden wie Süßigkeiten an die Kinder verteilt. Noch war es in der Stadt nicht dunkel, dennoch leuchteten im Zwielicht des frühen Abends schon die ersten Fackellichter an den Straßenecken auf. Als Julin all die Gesichter sah und die Stadt sich vor ihm auftat, durchströmte ihn trotz allen Unbehagens ein Gefühl von Glück, der Enge seines Bergdorfes entkommen zu sein. Hier war er, Julin, der Sohn eines Schmieds! Mit den berühmtesten und bedeutendsten Zauberern aus fünf Ländern ritt er zur Halle der alten Könige um einen Abend der Wunder zu erleben, um zu lernen, um sich alles einzuprägen und es eines Tages seinem Schüler zu erzählen.
Vor der Stadt schien es um ein Vielfaches kälter zu sein. Keine Mauer hinderte den Winterwind hier über die Ebene zu streichen. Julin stopfte den Fellsaum seines Mantels, den er über der Robe trug, zwischen Knie und Sattel fest, um den Wind besser abzuhalten. Nach kurzer Zeit spürte er seine Wangen und Lippen kaum noch. Die Dämmerung verwandelte die Silhouetten der Wälder in lauernde Schatten. Hier und da blinkte das rot glühende Augenpaar eines Hallgespensts auf, das die Prozession verfolgte und ihnen die Worte zuflüsterte, die es irgendwo in Lom gehört hatte. Julin achtete auf jedes Knacken und jeden Nachtvogelschrei, dennoch fühlte er sich geborgen und sicher im langen Zug. Die gelben Lichtzungen der Fackeln leckten über Pferdehälse und silberverzierte Zügel. Die Zauberer unterhielten sich gedämpft, nur Darian schwieg und schien sich jeden Schritt, jeden Baum genau einzuprägen.
Nach einer Weile wurde der Weg steiler. Wenn man sich im Sattel umdrehte, sah man die festliche Stadt wie die Glut einer Feuerstelle im Tal leuchten. Sie verschwand erst, als das Geröll einem Wald von nadelartigen Felsen wich, die weit über ihren Köpfen in den Himmel ragten. Hunderte von Hufschlägen brachen sich in diesem bizarren Wald aus Stein und vereinten sich zu einem Echo, das wie Hagelschlag auf einem zugefrorenen See klang. Julin fragte sich, ob die Kurierin Fenja sich fürchtete, wenn sie mit ihren beiden Hunden durch die Nacht und diese Einsamkeit ritt. Durch die Felsnadeln erhaschte er einen Blick auf einen schmalen Weg weit unterhalb im Tal. Fackelpunkte tanzten dort im Schrittempo entlang, bewaffnete Reiter auf hochbeinigen Pferden begleiteten etwas, was aussah wie eine Kolonne von zweibeinigen dunklen Tieren, die sich mit gesenkten Köpfen im schwankenden Gleichschritt bewegten. Julin sah genauer hin und erkannte, dass die taumelnden Tiere Menschen waren - Menschen mit gefesselten Händen.
"Das sind Gefangene, die in die Minen geführt werden", flüsterte Darian ihm zu. "Gestern wurden sie verurteilt, heute werden sie in die Silbermine gebracht."
"Wieso wandern sie bei Nacht?"
"Weil die Fähre am Rabenhafen nur morgens ablegen kann. Und es wäre gefährlicher, eine Nacht am Hafen zu verbringen, als bei Nacht zu wandern."
Mitleid erfasste Julin bei dem Gedanken, dass diese Menschen nie wieder das Licht der Sonne sehen würden. "Wie kann es sein, dass es in Lom so viele Verbrecher gibt?" Er sprach so leise, dass er seine Worte selbst kaum hörte. Darian hob beschwichtigend die Hand.
"Julin, wir sind nicht hier, um über Lom und die Beschlüsse des Rates zu richten, hörst du?"
Julin sah sich nach den Wachen um, verstand die Warnung und schluckte jede weitere Frage hinunter.
"Es gibt Handelsverträge", fuhr Darian leiser fort. "Loms Reichtum gründet auf seinem Handel. Woher das Land seine Arbeiter nimmt - nun, das ist Sache der Räte und der Botschafter. Ich bin sicher, unter den vermeintlichen Verbrechern sind auch Unschuldige. Manche werden von ihren Ländern freigekauft. Wir werden es nicht ändern, nicht an diesem Abend. Heute sind wir nur Gäste."
"Ja", sagte Julin. Er verstand gut, sehr gut sogar, aber an der Art, wie Darian den Kopf wandte und die Gefangenen betrachtete, erkannte er, dass sein Lehrer durchaus nicht der Meinung der Räte war. Gern hätte er weiter gefragt, um noch mehr über den Rabenhafen zu erfahren, doch es tauchte bereits eine Schlucht vor ihnen auf.
Nombur keuchte, während er seine breiten Hufe ungeschickt auf dem Stein aufsetzte, und Julin brauchte seine ganze Konzentration, um sich und sein Pferd sicher den steilen Serpentinenpfad hinunterzubringen. Kaum waren sie in dem steinigen Tal angelangt, hob Avia den Arm und brachte die Prozession zum Stehen.
"Ab hier gehen wir zu Fuß", verkündete sie. "Der Zugang zur Halle der alten Könige ist schon seit Urzeiten verschüttet - wir gehen durch einen Seitengang hinein."
Die Zauberer murrten und stiegen von ihren Pferden. Taschen schleiften über Sattelleder, als sie ihre Reisebeutel vom Pferd holten. Die Stadtwache pflockte die Tiere an und machte sich für eine lange Rast bereit. Nur wenige Wächter folgten den Zauberern, die im Dunkeln über schartigen Fels balancierten. Der Spalt, auf den Avia zuhielt, war so unauffällig und schmal, dass Julin ihn sicher kein zweites Mal gefunden hätte. Einer nach dem anderen schoben sie sich hindurch. Darian musste den Kopf einziehen um nicht an einen Felszacken zu stoßen. Einer der Räte stolperte neben Julin und nahm dankbar seine Hand um sich aufhelfen zu lassen.
"Danke", flüsterte er. "Meine Augen werden alt. Aber darauf nehmen diese Magier ja keine Rücksicht."
Julin wartete, bis der Rat den Durchgang passiert hatte, dann hielt er die Luft an und zwängte sich ebenfalls hindurch. Vor unzähligen Jahren mochte der Eingang zur Halle prächtig und riesig gewesen sein, aber ein Erdbeben oder die Zeit hatten ihn zusammenstürzen lassen und nun war es ein kantiger, von Steinquadern verstellter Durchgang.
"Da bist du ja", sagte Darian und winkte ihm zu. Mit vor Erwartung und Neugier klopfendem Herzen stolperte Julin über Geröll auf einen weiteren Spalt zu, durch den Licht in den Gang fiel, dann betrat er auch schon einen Raum mit glattem Magranboden und sah sich um. Unwillkürlich hielt er die Luft an, denn er wagte kaum zu atmen aus Angst, ein uraltes Gefüge zu zerstören, das Gespinst aus Legendenstaub, das älter war als alles, was er in seinem Leben jemals sehen würde.

*

Die Halle war größer als der Innenhof des Handelspalasts. Plötzlich hatte Julin eine Ahnung, wie ein Grottenolm sich fühlen musste, den man aus seiner vertrauten Höhle gerissen hatte, um ihn schutzlos in eine unendliche Welt zu setzen. Hunderte von Fackeln säumten die Wände. Auf Avias Zuruf hin entflammte eine nach der anderen und beleuchtete Wände aus Skalitstein, die glänzten wie Kupfer, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel auf sie fiel. Das, was Julin jedoch am meisten beeindruckte, waren die riesigen polierten Schilde aus einem goldenen Metall, die die Wände säumten. Julin schätzte, dass jeder davon dreimal so groß war wie er selbst. Mächtige Hände hatten sie gehalten, dieselben Götterhände, die auch diese Halle aus dem Fels geschlagen hatten. Ehrfurcht ließ Julin stumm und klein werden. Langsam ließ er seinen Blick in die Höhe schweifen, bis er den Kopf in den Nacken legen musste und ihm beinahe schwindlig wurde. Der Schreck fuhr ihm jäh in die Knochen, als sein Blick erwidert wurde.
Gesichter starrten zu ihm hinunter, die grausamen Münder im steinernen Schrei erstarrt. Sorgfältig gemeißelte, knöchrige Höcker auf Stirn und Schläfen gaben ihnen das Aussehen von Königen, die gewaltige, grobe Kronen trugen.
"Willkommen in der Halle der alten Könige!", sagte Avia. Inzwischen standen alle Zauberer in dem Felsraum, starrten nach oben, bewunderten stumm dieses letzte Zeugnis einer längst vergangenen Zeit.
"Ich grüße Nariman und Espiz aus Fiorin!", begann Avia. Zwei hagere Zauberer mit steingrauer Haut nickten. "Und ich grüße Gaamat, den Shanjaar aus dem Grenzland bei Tamm!"
Ein Waldmensch mit weißem Haar hob die rechte Hand zum Gruß der Freundschaft. So ging die Begrüßung von Zauberer zu Zauberer weiter, die Schamanen aus den Steppen mit ihren Gesichtsmasken aus blauem Echsenleder wurden ebenso höflich begrüßt wie die Hofmagier aus Tana, Tjärg und anderen Ländern. Julin versuchte, sich so viele Namen wie möglich einzuprägen, doch bald schwirrte ihm der Kopf und er konzentrierte sich darauf, die Zauberer zu beobachten.
"Und schließlich begrüße ich noch einen Gast, dessen Ruf ihm seit vielen Jahren vorauseilt: Darian Danalonn. Es heißt, er kann das Wasser erschaffen, das die Toten aus dem Land jenseits der lichten Grenze zurückholt." Julin sah Darian von der Seite an. Sein Lächeln war merkwürdig kühl. "Diese Halle ist älter als alles, was in Lom je war und sein wird", fuhr Avia fort. "Ein würdiger Ort, eine Versammlung abzuhalten, wie die Länder sie noch nicht gesehen habe. Nehmt Platz und begrüßt Corin aus Lom, den Goldmacher!"
Ein Flüstern und Raunen hob an, als ein unscheinbarer, altersloser Mann in einem grauen Mantel in die Halle trat. Er lächelte nicht und sein Schritt wurde von der dumpfen Stille verschluckt. Der schwarze Bart und die gebogene Nase ließen ihn streng und trocken wie altes Holz wirken. Auf seltsame Weise irritierte Julin sein Anblick, aber er folgte wie die anderen Avias Aufforderung und ging zu den langen Holztischen.
"Vielleicht werden wir heute Zeugen einer Entdeckung, die das Leben, wie wir es kannten, von Grund auf verändern wird", sprach Avia. "Bisher war es uns nur möglich, Dinge herbeizurufen, indem wir anderswo etwas nahmen. Zauberei ist ein Fluss, der an einem von uns bestimmten Ort nur dann anschwellen kann, wenn anderswo das Wasser versiegt. Seit Generationen schon suchen die Goldmacher nach dem Geheimnis, diese Grenzen zu umgehen. Sie wollen aus dem Nichts ein Etwas entstehen lassen, aus Stein Gold machen, aus Wasser öl - ohne dass das Gefüge von Geben und Nehmen berührt werden muss."
Der Goldmacher trat in die Mitte des Saales.
"Anilas Segen und der Segen der alten Könige sei mit Euch", begann er. Seine Stimme klang, als würden Eidechsen ihre schuppigen Körper aneinander reiben. "Ich weiß, dass viele von euch uns Goldmachern keine große Liebe entgegenbringen, aber wir haben etwas gefunden, was der Magie in allen Ländern ein neues Gesicht geben wird. Der Schlüssel zum Wohlstand. Denn wenn es uns gelingt, Gold und andere Metalle aus Steinstaub zu erschaffen, dann werden wir auch fähig sein, Brot daraus zu machen und Wein aus Wasser."
"Das würde die Ordnung durcheinander bringen!", warf ein Zauberer aus Tana ein.
"Manchmal müssen Ordnungen weichen, damit andere an ihre Stelle treten können", antwortete Corins Eidechsenstimme. "Aber ihr habt Recht: Es liegt in unserer Verantwortung, diese Gabe nur dort einzusetzen, wo sie zum Nutzen des Guten ist. Deshalb haben wir euch geladen - Magier aus allen Ländern. Nichts halten wir verborgen."
"Nun, dann lass mal sehen, wie du Gold machst", spottete der weißhaarige Magier aus dem Grenzland. Andere Zauberer stimmten in das Lachen ein. Julin sah zu Darian, der keine Miene verzog. Ruhig betrachtete er den Sack, den der Goldmacher nun öffnete. Als Corin die Hand hervorzog, rieselte Steinmehl durch seine Finger. Gespannte Stille senkte sich über die Halle. Der Goldmacher kippte den Sack auf dem Boden aus und murmelte einige Worte. Lichtflecken begannen an den Wänden zu wirbeln. Die Magie im Raum schien Zähne zu bekommen, die Julin sachte über die Haut strichen, als würden sie liebevoll nach der besten Stelle für ihren Biss suchen. Er hatte Angst, gestand er sich ein. Eine unbestimmte, fremde Angst, die er noch nie in seinem Leben gefühlt hatte. Im Licht glaubte er Augen zu sehen, grausame, alte Augen, und obwohl er sich dessen bewusst war, dass die Lichtflecken ihm einen Streich spielten, raste sein Herz. Eine Ahnung ließ ihn wieder zu Darian blicken. Im wirbelnden Licht sah er hart aus und älter, als er war.
"Diesen Stein werde ich nun zu Gold machen", sagte Corin. "Ohne ihm nur den Anschein von Gold zu geben, ohne etwas anderes dafür seines Goldes berauben zu müssen!"
"Entschuldigt, Corin!", erhob sich Darians Stimme. "Erst müssen wir prüfen, ob es sich wirklich um Steinstaub handelt."
Ein Raunen ging durch die Reihen der Zauberer.
Avia stand auf. "Wir haben es geprüft", sagte sie laut.
Ohne auf ihre Worte zu achten stand Darian auf und schritt in die Mitte des Saals. Dort bückte er sich zu dem Kegel. Seine Finger beschrieben eine Acht im sandartigen Turm. Immer noch flimmerten die Lichter über die Wände, blitzten in den polierten Schilden auf und gaben Julin das Gefühl, benommen zu sein. Er kam sich vor, als würde er in einem See schwimmen - aber das Wasser war zäher als Honig. Etwas stimmte nicht. Langsam stand er auf und kniff die Augen zusammen.
"Stein!", rief Darian und ließ die letzten Reste aus seiner Hand zu Boden rieseln. "Es ist tatsächlich nur Stein." Ein Wind strich durch den Raum, der Goldmacher lächelte. Das Frösteln der Vorahnung glitt über Julins Rücken. Es war wie damals, als er zur Seite sprang, kurz bevor der Blasebalg in der Schmiedehütte explodierte.
Avias Stimme war laut und ein wenig zu schrill, als dass sie Julin keine Angst gemacht hätte. "Darian, Ihr habt gesehen, dass es Stein ist, jetzt setzt Euch wieder!"
Ein Stuhl fiel mit hallendem Knall um, als ein Zauberer aufsprang.
"Darian!", schrie Julin. "Geh weg da!"
Sein Lehrmeister sah sich nach ihm um und lächelte verwirrt.
Für den Bruchteil eines Herzschlags sah Julin einen Schatten, einen gewaltigen Schatten, der die beiden Zauberer ansprang wie ein Hallgespenst, dann fuhr ein Windstoß ihm mit wüster Hand durch die Haare. Im nächsten Moment schien alles in seinem Sichtfeld in Stücke zu zerspringen. Der Boden erzitterte und ließ ihn schwanken, der Aufschrei der Zauberer vermischte sich mit dem ohrenbetäubenden Lärm der Schilde, die von den Wänden fielen und scheppernd auf dem Skalitboden aufschlugen. Die darauf folgende Stille war so schmerzhaft, dass Julin sicher war, taub geworden zu sein.

c) Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2004



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