Leseprobe "Polinas Geheimnis"

Aus dem Kapitel "Die Nacht der lebenden Toten"


"Bist du fertig?", flüsterte ich Joanna zu.
"Gleich", antwortete sie leise.
In der Dunkelheit eilte die schattenhafte Gestalt meiner Schwester an mir vorbei. Sie sprang auf die unterste Stufe der Treppe, die in den ersten Stock führte, und fuchtelte hektisch herum. Als sie mit dem Ellenbogen gegen das Treppengeländer stieß, rumpelte es laut.
Sofort kauerte mich tiefer in die Ecke und drückte die Digitalkamera fest an mich. Ob unsere Mutter in ihrem Zimmer unter dem Dach wirklich tief und fest schlief? Aber dann schob ich den Gedanken beiseite. Nein, wenn Mama von der Arbeit so müde war wie heute, könnte ein Motorrad durch ihr Schlafzimmer donnern -- sie würde sich im Schlaf nicht mal umdrehen. Außerdem hatten Joanna und ich alle Türen zugemacht. Unser Plan würde perfekt funktionieren!
Wir lauerten auf unserem Posten, Joanna auf der Treppe, ich in meiner Ecke neben der Kellertür. Wir waren die Gefahr, das Böse, das Grauen in der Nacht. Das Grauen um Mitternacht, um genau zu sein. Und das hieß, unser Au-pair-Mädchen hatte seine Ausgehzeit um fast zwei Stunden überzogen.
Mann, vor dieser Tür zog es vielleicht! Ich rubbelte meine Arme und spürte, dass ich vor Kälte eine Gänsehaut bekommen hatte. Die Pyjamahose schlackerte mir um die Beine.
Da klappte draußen eine Autotür zu und ein Auto fuhr weg. Wenige Sekunden später hörte ich Schritte, die sich auf unser Haus zubewegten. Schnelle, fröhliche Schritte, Schuhe mit hohen Absätzen, die auf dem Boden klapperten.
"Beeil dich!", drängte ich.
"Ich mach ja schon, so schnell ich kann!", zischte meine Schwester. Ihr Fuchteln wurde stärker. Es sah aus, als würde eine riesige Motte versuchen, sich in die Luft zu erheben.
Draußen kamen die Schritte immer näher und machten vor der Tür halt. Ich stellte mir vor, wie unser Au-pair-Mädchen in der pinkfarbenen Handtasche wühlte und nach den Schlüsseln suchte. Es hieß - das muss man sich mal vorstellen! - Mercedes. Unsere Mutter hatte uns schon am Tag ihrer Ankunft verboten, Brems- und Motorengeräusche zu machen, wenn Mercedes durch den Flur ging. "Das ist ein ganz normaler französischer Name", hatte sie erklärt. "Also macht keine Witze darüber!"
Ganz normaler Name? Dass ich nicht lache! Heiße ich vielleicht Audi oder Volvo?
Mercedes kam aus einem Vorort von Paris. Seit sieben Wochen ertrugen wir jetzt schon ihren rosa Glitzernagellack, ihre Vorliebe für Mathematik und ihre Art, morgens energisch und nervtötend fröhlich in die Hände zu klatschen und "Opp, opp!", zu rufen. Das sollte "Hopp, hopp!" heißen und uns zur Eile antreiben, so als wären meine Schwester und ich dressierte Zirkushunde.
Unsere Mutter fand das völlig in Ordnung, und Mercedes kicherte, wenn sie unsere sauren Gesichter sah. "Ist doch nur Spaß, Erik!", rief sie mir dann süß lächelnd mit ihrem französischen Akzent zu. Dabei wuschelte sie mir jedes Mal mit der Hand durch die Haare. Wenn ich eines noch weniger leiden konnte als Mathegenies mit rosa Glitzernagellack, dann waren es Mathegenies, die mich behandelten, als wäre ich ein Meerschweinchen im Streichelzoo.
Nun, heute war die Stunde gekommen, in der Mercedes ihr Kichern endgültig vergehen würde! Ich lächelte grimmig, hob die Kamera und drückte mich mit dem Rücken fester in die Ecke.
"Hast du's endlich, Joanna?", flüsterte ich.
Meine Schwester schüttelte ein letztes Mal die Flasche, dann hörte ich endlich ein feuchtes, glucksendes "Blubb-Blotsch!".
"Oh, Mist!", wisperte sie.
"Was ist?", fragte ich aufgeregt.
"Ich hab zu heftig geschüttelt", kam es von der Treppe. "Bäh, ist das eklig!"
Draußen steckte Mercedes gerade ihren Schlüssel in das Schloss der Eingangstür. Es klingelte und klimperte. Klar, sie hatte nicht nur eine pinkfarbene Tasche, sondern auch noch kitschige Glöckchen und silberne Kätzchen als Schlüsselanhänger.
Ganz plötzlich wurde ich noch nervöser. So war das meistens, wenn wir einen von Joannas Plänen ausführten. Ihre Ideen waren unschlagbar, aber leider auch ziemlich anfällig für Pannen.
"Noch können wir abhauen", flüsterte ich.
Das war natürlich ein blöder Vorschlag. Wenn meine Schwester mitten in der Ausführung eines Plans war, würde sie eher mit Seife gurgeln als einen Rückzieher machen.
"Spinnst du?", fauchte sie jetzt auch prompt. "Das wird schon klappen. Und jetzt pst!"

c) Ravensburger Buchverlag, 2010; Nina Blazon




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