Leseprobe "Der Kuss der Russalka"




Hoch türmten sich die Erdwälle der Peter-Paul-Festung vor dem Boot auf, das nun am Newator anlegte. Die Festung war das eigentliche "Sankt Piter Burch", ein Bollwerk, das Zar Peter nach seinem Namenspatron benannt hatte, dem heiligen Petrus, und das nun der neuen Stadt ihren Namen gab. Ehrfurchtsvoll schritt Johannes durch das Festungstor, das von Soldaten bewacht wurde. Er zeigte das Auftragsschreiben mit dem Handwerkssiegel vor und wurde durchgelassen. Von diesem Eingang aus ging es zum Kommandantenpier. Offiziere und Soldaten waren vor den großen Holzgebäuden zu sehen, die im Gegensatz zu den Werkstätten und Hütten am Südufer wie Paläste wirkten. Innerhalb der Festungswälle konnte man schon erahnen, wie die Anlage bald aussehen würde. An einigen Stellen wuchsen bereits solide Mauern in die Höhe. Steinmetze klopften das Baumaterial auf die richtige Größe zurecht, begradigten Kanten und meißelten Rillen in die Quader. Von fern glaubte Johannes inmitten von heftig debattierenden Baumeistern den Architekten Trezzini zu erkennen, aber er war so vertieft darin, seinen Untergebenen Anweisungen zu geben, dass er Johannes nicht bemerkte. In der Mitte der Festung ragte die hölzerne Kathedrale empor. Johannes schluckte seine Ehrfurcht hinunter, ging am Bootshaus und an der Münzschlägerei vorbei und machte dann einen Bogen zur Menschikow-Bastion, die in nordöstlicher Richtung lag. Erst vor zwei Jahren, im Jahr 1704, war hier die erste staatliche Apotheke eingerichtet worden. Im Augenblick diente das Haus auch als Quartier für die wenigen Wundärzte, die Zar Peter für die Werftarbeiter abgestellt hatte. Ohnehin machten die Russen keinen großen Unterschied zwischen ärzten und Apothekern. Da so viele ärzte Deutsche waren, sagten die Worte Deutscher und Arzt für viele das Gleiche aus.
Nun, auf Thomas Rosentrost, der in einem abgeteilten Teil der Apotheke seine Arbeitsräume hatte, trafen alle drei Begriffe zu. Er kam aus Mühlhausen, war Feldarzt und Knochenflicker gewesen, hatte in Leyden und Paris studiert und sich auch Apothekerwissen angeeignet. Er war "Okkulist, Stein- und Bruchschneider", einer der besten Chirurgen im ganzen Zarenreich. Dr. Thomas Rosentrost war niemand Geringerer als der Hofmedicus des Zaren. Streng genommen durfte er nur mit einer Genehmigung andere Patienten behandeln, aber für Thomas Rosentrost waren solche Verordnungen dafür da, dass man sie ebenso geschickt wie gefahrlos umging. Trotzdem würden die Behandlung und die Medikamente Onkel Michael einiges kosten.
Johannes grüßte einen blassen Apothekenhelfer, durchquerte den Raum, der mit Töpfen, Tiegeln und Standgläsern vollgestellt war, und betrat durch eine Seitentür Rosentrosts Reich. Ein polierter Tisch stand in der Mitte, zwei erstaunlich rohe Holzstühle daneben. Auf dem Tisch lagen neben einem Besteck für den Aderlass wild übereinander geworfene Papiere. Rosentrost erledigte für den Zaren die Korrespondenz mit dem Ausland, außerdem bestellte er Medikamente aus England und Holland sowie ätherische öle aus Moskau. Johannes ging näher heran und entdeckte eine Liste von Pflanzen, die für den zukünftigen Apothekergarten in Sankt Petersburg benötigt wurden. Eine weitere Liste war mit dem Titel "Naturaliensammlung" überschrieben.
Ein solides Regal, das Onkel Michael gezimmert hatte, füllte die ganze Wand aus. Johannes konnte nicht umhin, mit dem Blick eines Zimmermanns zu überprüfen, ob die Winkel richtig saßen und das Holz gerade war. Das Regal musste einer großen Belastung standhalten, denn bis unter die Decke stapelten sich Gefäße und Kisten. Ein ganzes Regal war für Glasbehälter mit getrockneten Kräutern und Heilpflanzen reserviert. Und ganz rechts, in einem schattigen Teil des Zimmers, entdeckte Johannes mit einem Schaudern mehrere große Gläser, in denen zusammengedrückte, faltige Ungeheuer in einer Flüssigkeit dümpelten. Das mussten einige Exemplare der Naturaliensammlung sein, die Thomas Rosentrost verwaltete und katalogisierte. Gerade wollte Johannes näher herangehen, als der Medicus das Zimmer betrat. Das heißt, er betrat niemals ein Zimmer, er brach in ein Zimmer ein - unvermittelt wie eine Naturgewalt. Absätze klackten über die Dielen, dann flog schon die Tür zum angrenzenden Zimmer auf. Die Zornesfalte auf Rosentrosts Stirn war noch tiefer geworden, seine schwarzen Augenbrauen bildeten einen seltsamen Kontrast zur weißen, gelockten Allongeperücke, die der Arzt stets mit akkurater Würde trug. Wie immer trug er auch heute einen langen scharlachroten Rock und ein weißes Plastron um den Hals - einen eng geschnürten Tuchkragen.
"Ah, der Brehmer!", bellte er und grinste. "Setz dich, setz dich. Der Arm, was? Zieh das Hemd aus!"
"Ich habe keine Verletzung", widersprach Johannes.
"Nicht?" Die schwarzen Brauen zuckten in die Höhe. "Umso besser. Komm her!"
Gehorsam setzte sich Johannes auf einen der abgewetzten Stühle und hielt es aus, dass der Arzt seinen Arm bewegte, ihn streckte und die Muskeln abtastete. Dafür, dass sie schon Knochen zersägt hatten und mit dem Trepanierbohrer Löcher in Schädeldecken machen konnten, waren die Hände des Arztes erstaunlich glatt und weich, beinahe wie die Hände einer Frau. Es kam Johannes seltsam vor, sich von ihnen anfassen zu lassen. Als hätte der Arzt gespürt, dass Johannes sich den Schmerz verbiss, ertastete er plötzlich eine Stelle in der Nähe des Ellenbogens und drückte zu. Johannes stöhnte auf.
"Aha", bemerkte Rosentrost. "Ein Loch im Muskel - gerissen. In der nächsten Zeit wirst du mit dieser Hand keinen Hammer heben."
Johannes musste blass geworden sein, denn Rosentrost zückte ein scharf riechendes Fläschchen und hielt es ihm unter die Nase. "Wird schon wieder. Besser als ein zertrümmerter Knochen. Ich schmiere dir ein Pflaster. Braucht Marfa noch etwas?"
Johannes nickte und hielt ihm den Zettel hin, den der Arzt mit gerunzelter Stirn studierte. "Fieber", murmelte er.
Mit großen Schritten durchmaß er den Raum und suchte die Pulver aus den Regalen heraus. Jeder andere Arzt hatte einen ganzen Bienenschwarm von Dienern und Helfern um sich, Rosentrost dagegen bestand darauf, alles selbst zu machen. Johannes betrachtete das Chirurgenbesteck, das halb unter den Papieren verborgen lag - Zangen und Rippenheber konnte er erkennen, außerdem Brenneisen zum Stillen von Blutungen. Dann schweifte sein Blick wieder zu den eingelegten Tieren. Eines davon fesselte seine Aufmerksamkeit besonders - wenn er nicht gewusst hätte, dass es Drachen nicht gab, er hätte geschworen, einen vor sich zu haben.
"Wie geht es Michael?", fragte der Arzt, ohne sich umzuwenden.
"Gut", antwortete Johannes. "Wir haben viel Arbeit."
"Und neuerdings eine Leichenhalle für Nixen, wie ich höre?"
Johannes zuckte zusammen. "Wer sagt das?"
Rosentrost lachte. "Die abergläubischen Bauern, sollte man meinen. Aber gestern war ein Soldat hier, der geschworen hat, Fische mit Menschengesichtern gesehen zu haben. Oder war es umgekehrt? Gerüchte sind schlimmer als die Pest - hat einer sie, springt sie sofort zum nächsten."
"Es war ein ertrunkenes Mädchen", sagte Johannes leise.
Der Arzt fuhr herum. Seine flinken Augen blitzten belustigt auf. "Natürlich! Was sonst?" Sorgfältig maß er zwei bauchige Holzlöffel eines grauen Pulvers ab und füllte es in eine Dose aus Buchenholz. "Wenn eines Tages doch noch ein Meermädchen bei euch an Land geschwemmt wird, bring sie zu mir. Dann teilen wir uns die Prämie, die der Zar zahlt. Hand drauf!"
"Der Zar glaubt an Nixen?"
Thomas Rosentrost brach in schallendes Gelächter aus. "Meine Güte, Brehm, bist du auch schon so abergläubisch wie die russischen Weiber? Natürlich nicht! Aber er sammelt Monstrositäten. Sag bloß, du bist der Einzige, dem die Missgeburten noch nicht aufgefallen sind?" Mit einer nachlässigen Kopfbewegung deutete er zu den Gläsern.
Johannes stand auf und ging hinüber. Ihm war unbehaglich zumute, aber er bemühte sich, es zu verbergen. Der Drache erwies sich als kleines Tier, aus dessen Leib zwei deformierte Köpfe wuchsen.
"Das Lamm mit den zwei Köpfen!", rief Rosentrost. "Aus Vyborg! Und dahinten siehst du einen Säugling mit drei Beinen - aus Tobolsk. Zusammengewachsene Zwillinge haben wir auch, aus Ufa, glaube ich."
Mit einem Schaudern wich Johannes zurück. So genau wollte er Zar Peter Kuriositäten nun doch nicht betrachten. "Wieso begräbt man die Säuglinge nicht?", flüsterte er. "Das sind doch Menschen!"
"Wer eine solche Kuriosität verheimlicht oder begräbt, macht sich strafbar", erwiderte Rosentrost mitleidlos. "Zar Peter hat angeordnet, dass die Hebammen unter Androhung der Todesstrafe missgebildete Neugeborene nicht töten, sondern dem Gemeindepopen melden sollen. Alle Missgebildeten sind beim Kommandanten abzuliefern. Für ein totes Monster vom Menschen gibt es zehn Rubel, vom Vieh, von Tieren und Vögeln drei. Für lebende Monster von Vieh und Tieren fünfzehn Rubel, für Vögel sieben und - halte dich fest - für lebende Monster vom Menschen hundert!"
Johannes klappte der Mund auf. Von Michael wusste er, dass Thomas Rosentrost im Jahr achthundert Silberrubel verdiente. Im Verhältnis zu dem Geld, das Onkel Michaels Werkstatt einbrachte, waren jedoch auch schon hundert Rubel ein Vermögen.
Rosentrost grinste in Johannes' blasses Gesicht. "Wenn ihr also ein menschliches Nixenmonster habt, dann bring es her - ich schätze, dafür legt der Zar noch ein paar Rubel drauf."
Johannes machte den Mund wieder zu und schüttelte den Kopf.
"Es ist erstaunlich, was sich die Leute einfallen lassen, um einen Lohn einzustreichen", fuhr Rosentrost fort. "Gestern brachte mir ein Soldat einen Vogel mit zwei Köpfen zum Konservieren. Einer war so stümperhaft angenäht, dass ich ihm den Kadaver am liebsten um die Ohren gehauen hätte.
"Wie konserviert man sie?"
"Noch in Spiritus wie diese hier. Aber just dieser Tage erwarte ich ein Paket aus Holland von dem Anatomen Ruysch. Ich habe bei ihm ein paar seiner Injektionspräparate bestellt. Damit lassen sich Körper weitaus besser präparieren."
"Warum lässt der Zar die Monstren präparieren?"
Rosentrost hob die Schultern. "Er sammelt alles, was außergewöhnlich ist. Außerdem soll alle Welt die Monstren sehen und l ernen, dass sie kein Teufelswerk, sondern nur eine verirrte Laune der Natur sind. Er hasst den Aberglauben ebenso sehr wie die Bärte der Altgläubigen und das Gefasel von Zauberei. Und Recht hat er! Weißt du, was er sagte, als er vor einigen Tagen bei mir war?" Johannes horchte auf.
"In diesem Jahr soll es eine Sonnenfinsternis geben. Man solle es den Leuten vorher sagen, damit sie darin nicht ein Wunder sehen. Wenn die Menschen darum wüssten, sei es nämlich kein Wunder mehr. übrigens haben auch die Nixen eine natürliche Ursache. Siehst du das Glas da hinten?"
"Das längliche?"
Der Arzt nickte eifrig. "Zieh es raus. Na los, die Monstren beißen nicht."
Johannes ignorierte das unbehagliche Kribbeln in seiner Hand, als er das Glas behutsam nach vorne rückte. Es verschlug ihm den Atem. Ein Tier mit scharfen Zähnen sah ihn an - es mochte ein junger Hund sein. Hilflos ragten seine Pfoten in die Flüssigkeit, in der er gefangen war. Was Johannes jedoch viel mehr entsetzte, waren die zusammengewachsenen Hinterläufe.
"Das ", sagte Thomas Rosentrost im Ton eines Hauslehrers, " findest du auch bei Menschen. Die armen Wichte leben nicht lange und erinnern durch die verwachsenen Gliedmaßen tatsächlich an Nixenwesen. Aber sie sind es nicht."
"Und wenn es welche gäbe, dann würde sie mit aufgeschnittenem Bauch in einem der Gläser schwimmen."
Der Arzt kratzte sich am Kopf, was seine Perücke etwas zur Seite rutschen ließ. "Vermutlich nicht. Dafür ist das Glas zu klein. Aber Zar Peter würde sie auf jeden Fall ausstopfen und ihre Organe einzeln präparieren lassen."
Johannes hatte den Anblick der Tiere ertragen und das Stechen in seinem Arm. Bei der Vorstellung eines ausgestopften Wesens mit menschlichem Gesicht allerdings drohte sich ihm der Magen umzudrehen. Er dachte an die Gestalt, die er im Wasser gesehen hatte. Und zum ersten Mal hatte er eine Ahnung, dass seine Welt nicht alles war, was er kannte. Nun bekam sein Erlebnis an der Newa einen Sinn. Das Mädchen war solch ein Monstrum mit zusammengewachsenen Beinen gewesen - vielleicht lebte es sogar am Wasser. Nicht umsonst hatte man sie mit dem Tuch abgedeckt. Vermutlich hatte Oberst Derejew die vermeintliche Nixe beiseite schaffen lassen, um die Belohnung zu kassieren. Jemand anders allerdings hatte ihren Leichnam gestohlen. Vielleicht war der Junge, den Johannes am Newaufer gesehen hatte, ihr Bruder oder sonst ein Verwandter. Unwillkürlich bewunderte ihn Johannes für seinen Mut, die Todesstrafe zu riskieren. Möglicherweise, so kam ihm ein neuer Gedanke, war sie auch gar nicht tot, sondern nur scheintot gewesen. Hin und wieder kam es vor, dass ein Totgeglaubter wieder zum Leben erwachte. Und eine so tiefe und große Wunde an der Schulter wäre eine logische Erklärung für eine sehr tiefe Bewusstlosigkeit. In diesem Augenblick fasste Johannes einen Entschluss. Er würde Marfa nicht gefallen.

c) Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2005



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