Leseprobe "Schattenauge"

Aus dem Kapitel "Zeichen"


Irves holte eine Packung Zigaretten hervor und hielt sie dem Mädchen hin, doch sie lehnte mit einem Kopfschütteln ab. Das Schnappen seines Feuerzeugs, ein roter Punkt, der aufglühte. Dabei rauchte Irves überhaupt nicht. Die Zigaretten waren Schnickschnack, ein Spielzeug, mit dem er Leute lockte. Damit gewann er Zeit für ein Gespräch und gab vor, zu ihnen zu gehören: Der Abgedrehte mit dem Mantel, der Geistermann.
"Ich bin übrigens Irves", sagte er in ihr Schweigen hinein.
Sprich nicht mit ihm!, hätte ich ihr am liebsten zugerufen. Lass ihn stehen und geh heim!
"Zoë", erwiderte sie nach einer Weile. "Aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen, das hast du sicher schon gelesen." Sie hielt den Schülerausweis hoch, den Irves ihr eben zurückgegeben hatte.
"Zoë", wiederholte Irves so betont, als würde er mir das Wort vor die Nase halten, damit ich es von allen Seiten betrachten konnte. Jetzt erst warf er mir einen triumphierenden Blick über die Straße zu. "Schöner Name. Französin?" Er lachte und ich musste tief Luft holen, um ruhig zu bleiben. Weil ich an die Brücke dachte, daran, dass Irves fähig war, Dummheiten zu machen, einfach um mich zu provozieren. Ich ballte die Hände zu Fäusten, bis meine Fingernägel in meine Handflächen drückten.
Als hätte sie meine Angst gespürt, schweifte ihr Blick zu mir. Mein erster Reflex war, mich im Schatten der Mauer zu verbergen, aber dann fiel mir ein, dass sie mich ja gar nicht kannte. Alles, was sie sehen würde, war ein schwarzhaariger junger Typ mit dunkler Lederjacke, der sich in der Nähe des Clubeingangs herumdrückte. Vielleicht würde sie mich für einen Dealer halten.
"Bist du öfter hier?", fragte Irves.
Ihr Blick schweifte zu ihm zurück. "Warum willst du das wissen?"
"Habe dich hier noch nie gesehen."
"Natürlich nicht", gab sie trocken zurück. "Du hast mir gerade meinen Schülerausweis zurückgegeben, schon vergessen? Und der Club ist erst ab achtzehn."
Sie wandte sich ab und ging - in Richtung Norden. Ich biss mir auf die Unterlippe. Norden war nicht gut. Zumindest nicht um zwei Uhr morgens.
Irves sah ihr nach, während sie mit großen Schritten davonging über die Verkehrsinsel, die nächste Ampel. Ich war mir nicht sicher, was er tun würde. Nord oder Süd? Langsam wandte er sich mir zu. Die angerauchte Zigarette flog in eine Pfütze und erlosch. Irves beobachtete mich, offenbar zufrieden.
Ruhig durchatmen!, befahl ich mir. Meine Schultern entspannten sich. Irves lachte, als hätte er einen großartigen Witz gemacht, dann kam er über die Straße direkt auf mich zu. Eine Pfütze zersplitterte unter seinem Schritt und fing gleich darauf wieder die Lichter der Stadt ein.
"Ganz ruhig, French", sagte er im Vorübergehen. "Hast du wirklich gedacht, ich rühre deine Kleine an?"
"Gil heiße ich!"
Ein träges Schulterzzucken. "Na schön, Gil. Was ist jetzt? Kommst du mit?"
Ich schüttelte den Kopf. Irves folgte meinem Blick in Richtung Nordstadt.
"Tu, was du nicht lassen kannst", meinte er nur. "Aber komm Maurice nicht in die Quere. Nur so als Tipp."
Doch da tauchte ich schon in den Schatten einer Toreinfahrt und lief Zoë hinterher. Schon bald holte ich sie ein. Sie hatte keine Jacke dabei, ihr weißes T-Shirt war gut zu erkennen - schwebend vor dem Dunkelgrau der Gassen. Die verspiegelten Fassaden der Börse waren blind und dunkel. Fenster wie tausend geschlossene Augen. Sorgfältig blieb ich auf Abstand. Sie hielt sich dicht an den Häusern und sah sich oft um. Sie nutzte die Schatten gut, duckte sich hinter geparkten Autos, wenn einige Betrunkene die Straße entlangtorkelten, und wartete, bis sie hinter der nächsten Ecke verschwunden waren, bevor sie weiterhuschte. Sie blickte sich so oft um, dass ich mich schließlich ganz aus ihrem Sichtfeld zurückzog. Offenbar spürte sie, dass ihr jemand folgte. Gut so!, dachte ich grimmig. Besser, ich jage dir Angst ein und treibe dich heim, bevor die anderen dich sehen.
Doch wenn einer von uns beiden im Augenblick mehr Angst hatte, dann war das eindeutig ich.
Zoës Weg führte vom noblen Flussviertel weg, an den Blockbauten der ehemaligen Bahnhofshallen vorbei. Nicht in die U-Bahn. Schlecht für mich.
Ich wurde nervös. Ich gehörte nicht in diesen Stadtteil. Das italienische Schuhgeschäft kam in Sicht - die Grenze, die ich bisher nur am Tag überschritten hatte. Bonbonfarbene Beleuchtung, mit Strass verzierte Stöckelschuhe. Wie die Wächterin vor dem Eingang zur Unterwelt lag eine Pennerin auf der Bank vor dem Geschäft. Ich konnte ihr verfilztes, rotes Haar erkennen. Ich wusste, dass sie Barb hieß. Nur Irves, der für jeden einen anderen Namen fand, nannte sie Cassandra, weil sie tagsüber vor der Börse stand, vom Untergang der Stadt redete und Verwünschungen ausstieß. Ich hoffte, sie würde schlafen oder wenigstens zu betrunken sein, um Zoë wahrzunehmen. Doch ihre Nasenflügel blähten sich und ihre Augen öffneten sich weit, als das Mädchen an ihr vorbeiging. Zoë hätte sich genauso gut ein Schild mit der Aufschrift "Läufer" umhängen können. Barbs Blick folgte ihr, doch nicht einmal das Zeitungspapier, das sie sich sogar im Sommer zum Wärmen unter den Pulli stopfte, raschelte. Glück gehabt. Barb galt zwar als überwiegend friedlich, aber ich hatte nicht die geringste Lust auszuprobieren, wozu diese verrückte Prophetin fähig war, wenn sie von ihrer Bank aufstand.
Ich schlug mich in eine Seitengasse und macht so um den kleinen Platz mit der Bank einen großen Bogen. Erst an der nächsten Querstraße stieß ich wieder zu Zoë. In Gedanken ging ich den Stadtplan ab: Tankstelle, Kreuzung, vier Seitenstraßen, Baustelle, Neubaugebiet. Ich begann auf meine Schritte zu achten, trat noch leiser auf. Reviere überschnitten sich hier. Genau an den Kreuzungen, den Nervenknoten der Stadt, wo die Leute innehielten, um sich zu orientieren oder zu verweilen. Dort, wo sich Absätze knirschend auf verlöschenden Kippen drehten.
Ein ziehendes Unbehagen kroch mir den Rücken hoch, als ich die Edelstahlskulptur vor dem Planetarium entdeckte. Zwei Himmelskörper auf Umlaufbahnen aus metallenen Bögen, die ineinander verschlungen vor der Treppe zu schweben schienen. Hier begann die Maurice-Zone. Nervös blickte ich auf meine Armbanduhr, ein silbergelbes Billigteil für ein paar Euro. Nicht schade drum, wenn ich es verlor. Die phosphoreszierenden Zeiger zeigten auf zwanzig vor drei - ich war also noch mitten im gefährlichen Zeitfenster.
Das Mädchen lief am Planetarium vorbei, wurde schneller und hielt auf eines der Neubauviertel zu. Monster und Mangafiguren waren an die Wände gesprüht. Neben dem Tor einer Tiefgarage lieferte sich Prinzessin Mononoke einen Stockkampf mit einem ziemlich fetten, fiesen Batman. Wenigstens hatte die Prinzessin eine Waffe. Zoë hatte nur mich. An ihrer Stelle würde mich das nicht gerade beruhigen.
Ich erstarrte, als ich in meinem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Eine Gestalt kam um die Ecke, ein kleiner, bulliger Mann, das glatte schwarze Haar mit Pomade quer über die Halbglatze geklatscht. Ich war ihm noch nie begegnet, aber ich wusste, dass dieser Mann dort Maurice war - so, wie ich beim Blick auf die Uhr wusste, dass ich in der falschen Zeitzone war. Seine dünnen Beine standen in einem fast lächerlichen Kontrast zu seiner breiten Brust und dem Bauchansatz. Aber den Fehler, mich vom äußeren täuschen zu lassen, hatte ich bisher nur einmal gemacht. Die körperliche Erscheinung sagt nichts, aber auch gar nichts darüber aus, was einem bevorstehen konnte, wenn ein Typ wie Maurice in den Schatten ging. In diesem Moment wäre ich froh gewesen, wenn Irves oder irgendeiner der anderen mir mehr über Maurice erzählt hätte. Dann hätte ich wenigstens einen Ansatzpunkt gehabt. Aber so lief das ja bei uns nicht.
Er kam näher, mit geschmeidigen, selbstsicheren Schritten. Sein Jogginganzug war ausgeleiert und schlotterte um seine Beine. Ein Adrenalinschub jagte meinen Herzschlag hoch. Lauf?!, flüsterte es in mir. Bevor er dich bemerkt. Aber dann würde er Zoë sehen. Sie hatte das Ende der Straße noch nicht erreicht, sie ging gerade an einem Kiosk vorbei und passierte die Bushaltestelle, die selbst jetzt noch beleuchtet war. Jeden Augenblick musste sie Maurice auffallen.
Ich griff hastig in meine Jackentasche und suchte nach meinem Schlüssel, klapperte laut damit herum, während ich fieberhaft abschätzte, wie schnell ich mich in Richtung Süden davonmachen konnte. Maurice hob den Kopf nicht, beschleunigte auch nicht, und dennoch hielt er auf mich zu. Da begriff ich, dass er mich schon längst wahrgenommen hatte. Manchmal vergaß ich, um wie viel besser die anderen sahen, rochen und hörten. Fünf Sekunden für eine Entscheidung: Rannte ich jetzt sofort weg, würde er mich zwar gehen lassen, aber das Mädchen vielleicht doch noch entdecken. Machte ich ihm ärger und griff ihn an, würde Zoë sich nach uns umdrehen und zwei Männer sehen, die sich an die Kehle gingen. Vermutlich würde sie ihr Handy zücken und die Polizei rufen. Spätestens dann würde sie Maurice auffallen. Er würde sie nicht in dieser Nacht erwischen. Aber in der nächsten. Oder der übernächsten.
Pokern um Sekunden. Ich ging noch langsamer, tat so, als würde ich in meiner Jacke nach Zigaretten oder dem Handy suchen, machte wie beiläufig einen Bogen und wechselte die Straßenseite. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Nicht hinsehen.
Maurice erschien so schnell an der Straßenecke, als hätte ich ihn herbeigezwinkert. Ich hatte keinen Schritt gehört.
"Sieh mal an", knurrte er. "Besuch." Der Geruch von ungewaschener Haut stieg mir in die Nase, zusammen mit einer stechenden, bedrohlichen Note. Falscher Stadtteil, sagte sie. Falsche Zeit, falscher Ort, Junge. "Ganz ruhig!", sagte ich versöhnlich und hob die Hände. "Gibt es ein Problem, Mann?"
Ich konnte seine Augen funkeln sehen. Für einige Sekunden war er durch meine ruhige Reaktion irritiert und zweifelte wohl an seinem ersten Eindruck. Er versuchte mich einzuordnen, aber offenbar gelang es ihm nicht ganz. Er kannte mich nicht, nicht umsonst hielt ich mich an mein Viertel. In diesen vagen Momenten war ich einfach nur ein verdächtiger Typ, der seinem Blick auswich. Langsam ging ich zurück, einen Schritt zur nächsten Straßenecke, noch einen. "Ich suche nur die U-Bahn", sagte ich im Plauderton. "Ich geh schon, ich will keinen ärger."
Ich weiß nicht, was mich verraten hatte. Mein Tonfall? Eine Bewegung? Oder das Licht einer Neonreklame, das sich in meinen Augen spiegelte?
"Da müsstest du schon verdammt schnell rennen!", fauchte Maurice und duckte sich.
Es war einer dieser Augenblicke, in denen man sich wünscht, den Film noch mal zurückzudrehen. Zwanzig Sekunden nur. Ich hätte Zoë Angst machen sollen, ihr den Eindruck geben, sie würde tatsächlich verfolgt, dann wäre sie schneller gelaufen. Wir hätten Maurice um eine Straße verpasst. Und ich säße jetzt nicht in der Klemme.
über seine Schulter sah ich Zoë ganz am Ende der Straße in einem Hauseingang verschwinden. Es war ein frisch verputztes Hochhaus gegenüber der Bushaltestelle, das zwischen den älteren Backsteinbauten aussah wie der letzte gesunde Zahn in einer Gebissruine. überlaut nahm ich das Klappern eines Schlüsselbunds wahr, dann schlug die Tür zu. Zoë war zu Hause. In Sicherheit. Schön für sie.
Schlecht für mich. Denn jetzt sah ich, was Irves mir alles nicht über Maurice erzählt hatte. Verdammt?! Mein Adrenalinspiegel schnellte so abrupt hoch, dass meine Muskeln glühten. Wie in Zeitlupe nahm ich wahr, dass ich davonschnellte. Beim letzten Blick über die Schulter sah ich die Baustelle. Neben Zoës Haus wachten ein paar schlafende Kräne wie eine Herde von Metallgiraffen über tiefe Baugruben. Hübscher Anblick. Tja, und so ziemlich das Letzte, was ich sah.

c) Ravensburger Buchverlag, 2010; Nina Blazon




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