Leseprobe "Die Sturmrufer"

Kapitel "Das Meer"


Amber wollte etwas antworten, als das Platschen wieder ertönte, diesmal hinter ihr. Erschrocken griff sie nach dem Ruder, bereit, auf jede Bestie einzuschlagen, die sich zeigen würde, aber dann sah sie mit grenzenloser Erleichterung, dass es nur Tanijen war. Er schnappte nach Luft wie ein Ertrinkender. "Sabin ...", keuchte er. Amber sprang auf und verlor beinahe das Gleichgewicht. Inu packte sie am Arm. "... bringt ... einen Mann der Besatzung hoch!", beendete Tanijen seinen Satz und deutete auf eine Stelle nicht weit vom Boot.
Amber brauchte mehrere Augenblicke, um zu begreifen, was das bedeutete. Und dann konnte sie es mit eigenen Augen sehen:
Ein seltsames Wesen schwebte unter der Wasseroberfläche heran. Auf den ersten Blick wirkte es, als hätte es so viele Gliedmaßen wie ein Krake, es kam näher, wurde deutlicher und deutlicher, zeigte Sabins wallendes Haar und ein weißes Gesicht - und durchbrach schließlich die Wasseroberfläche. Sabin hielt einen bärtigen Mann mit langem schwarzem Haar in den Armen. Seine Augen waren geschlossen und seine Arme trieben willenlos an der Wasseroberfläche. Im Gegensatz zu Sabins erhitztem Gesicht wirkte seine Haut fischbleich und grünlich. Amber wurde auf der Stelle schlecht. Mit zitternden Knien ließ sie sich auf die hölzerne Bank sinken. So hatte sie sich den Auftrag nicht vorgestellt. Von der Bergung von Toten hatten sie ihr nichts gesagt!
"Sind noch mehr da unten?", rief Inu. Sabin schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre nassen Locken flogen. "Dem Balivan sei Dank, nein. Er hatte sich in den Vorratsraum geflüchtet, Skigga allein mag wissen, was er sich dabei gedacht hat, sich da unten zu verkriechen, statt das Schiff mit den anderen sofort zu verlassen. Hier, zieht ihn hoch!" Mit wenigen Schwimmzügen brachte sie den Ertrunkenen zum Boot, wo ihn Inu und Tanijen, der inzwischen wieder ins Boot geklettert war, in Empfang nahmen. Bäche von Wasser strömten aus der nassen Kleidung des Mannes, als sie ihn behutsam über den Bootsrand hoben. Amber hatte in ihrem Leben schon manchen Toten gesehen, aber der Anblick dieses Mannes machte ihr Angst. "Warum legt ihr ihn nicht auf das Floß?"
Sabin funkelte sie wütend an. "Wie kannst du so etwas nur fragen? Weil er ein Mensch ist und kein Gepäckstück, das wir einfach so mit dem Floß zurücklassen, wenn der Wind zu stark wird." Sie schluckte und Amber bildete sich ein, dass die Taucherin gerötete Augen hatte und ein paar Mal zu oft zwinkerte, aber es war sicher nur das Meerwasser, das unter die Kristallschalen geraten war und nun in Sabins Augen brannte. "Wir fahren zu einem der großen Schiffe und übergeben ihn dort", bestimmte Sabin und kletterte flink auf das Boot. "Das Floß lassen wir solange hier."
Amber war froh, sich zum Rudern umdrehen zu müssen, sodass der Tote hinter ihr lag. Ihre Zähne klapperten, obwohl ihr nicht kalt war.
Die Wasseroberfläche kräuselte sich jetzt stärker, der Wind raute die See auf und blies Amber mitten ins Gesicht. Einmal blickte sie über die Schulter zur Sandbank. Warum starrten die Leute auf den anderen Booten zu ihnen herüber? Amber sah Münder aufklappen und fassungslose Gesichter. Dann begann ein Seemann eine Fackel zu schwenken. "Rudert!", brüllte er. Hinter ihr stieß Sabin einen Fluch aus.
Eine Bö kam aus dem Nichts, erfasste das Boot und drehte es um seine eigene Achse. Die Sandbank verschwand aus Ambers Blickfeld, als hätte ein Magier ein helles Tuch zur Seite gezogen. Sie wurde herumgeschleudert und schlug hart gegen die Halterung des Ruders. Der Anblick des Himmels jagte ihr einen Entsetzensschauer über den Rücken: Dunkle Schlieren zerfetzter Wolken trieben viel zu nah über dem Meer und wurden sofort vom Wind verwirbelt. Einige Seevögel trieben im Wirbel und schossen wie helle Pfeile über den Himmel.
Dann kam der Sturm. Ohne Vorwarnung war er von einem Augenblick auf den anderen da - eine gewaltige Windhand, die sie herumwarf. Rufe hallten von der anderen Seite der Sandbank zu ihnen herüber, doch auch sie verschluckte gleich darauf das Heulen des Sturms.
Ambers Finger schmerzten, so fest klammerte sie sich an das Ruder. Unter ihr bockte das Boot, schwebte für die Dauer eines Atemzugs und fiel dann krachend auf das Wasser zurück.
Gelähmt vor Schreck sah Amber eine gewaltige schwarze Woge auf das Boot zurollen. Nein, es war keine Woge - es war eine Wand. Blitzartig huschten Bilder an Amber vorbei: die Faust ihres Bruders, die Ziegen, ein strohgedecktes Dach und sie selbst, wie sie nach der hölzernen Kassette griff. Es war alles umsonst gewesen. Ihr Leben, ihr richtiges Leben war zu Ende, bevor es überhaupt angefangen hatte.
Völlig betäubt verfolgte sie, wie sich unter der Oberfläche der Woge ein Hai wand, Auge in Auge mit ihr, als würde sie durch ein Fenster schauen. Das Raubtier bog sich und zappelte wie ein Köderfisch, bis ihn das Meer ausspuckte und ins Boot warf. Amber sah nur ein Maul, das nach ihr schnappte. Ein gebogener schwarzer Zahn verhakte sich im Stoff ihrer Hose. Instinktiv riss sie das Ruder hoch und ließ es auf den Hai niedersausen. Doch der Raubfisch war schneller. Wie eine Schlange wand er sich und schnappte zu, die Säbelzähne verfehlten Ambers Unterschenkel nur knapp und gruben sich in das Holz.
Eine weitere Woge warf das Boot herum. Der Hai rutschte über den Bootsrand und nahm das Ruder mit. Sabin wollte dem Ruder nachspringen, aber Tanijen brachte sie zu Fall. "Bist du wahnsinnig?", schrie er.
Einen Wimpernschlag lang glaubte Amber, Gesichter im aufgepeitschten Wasser zu sehen - klare Najgesichter, gläsern und schön, inmitten der sich bauschenden Schleier der Kiemenhäute. Dann traf sie ein Schlag und schmetterte sie zu Boden. Ein Körper lag auf ihr. Amber schrie laut auf aus Angst, es könnte der Ertrunkene sein. Doch es war Inu. "Festhalten!", brüllte er ihr ins Ohr.
Dieser Befehl war überflüssig. Zumindest im Moment, denn ein plötzlicher Fallwind drückte Inu und sie so stark auf den Boden des Bootes, dass sie kaum atmen konnte. Ambers Wange lag auf das nasse Bodenholz gepresst, als würde sie dem Meer lauschen. Und sie hörte: Rauschen, trommelnde Wellenschläge und noch etwas, weit entfernt, ein Gurgeln und ein Ziehen, als würde ein gewaltiger Mund an einer Flasche Gieltee saugen. Kein Zweifel: Das Meer wollte sie verschlingen. übelkeit ließ Amber würgen. Das Boot tanzte und schaukelte, aber wenigstens hielt Inus Gewicht sie am Boden. Obwohl sie hin und her gebeutelt wurden, ließ er sie nicht los. Die Angst ließ sie vergessen, das ihr Rücken mit Blutergüssen und Prellungen übersät war.
"Hier, binde dir das Seil um den Leib", befahl Inu zwischen zwei Wellenschlägen. Amber gehorchte und ließ es sogar zu, dass Inu ihr Seil mit einem schnellen Knoten sicherte. "Die Welle", rief Inu ihr ins Ohr. "Falls sie dich aus dem Boot schwemmt, zieh dich am Seil entlang zurück, hast du verstanden?" Amber nickte und biss die Zähne zusammen.
"Lass mich nicht los!", presste sie hervor. Tränen brannten ihr in den Augen. Sie sah den Schatten der Welle bereits - eine gewaltige Gestalt, das Meer selbst, das sie vernichten würde.
Sie presste die Lider zusammen, jeden Augenblick gefasst auf die letzte schäumende, kristallkalte Woge, die das Boot unter Wasser drücken würde. Sie wartete auf das kalte Brennen in ihrer Nase und in ihrem Mund und stellte sich vor, wie es sein würde - der salzige Tod bei den Haien.
Durch den Sturmwind hörte sie, wie Tanijen etwas schrie. Inu umklammerte sie mit beiden Armen, dann kippte das Boot und Amber verlor endgültig die Orientierung.

c) Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2007



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