Leseprobe "Im Land der Tajumeeren"
(Teil II der "Taverne am Rande der Welten")
Kapitel "Rusanische Nächte"
"Schnell!", drängte Anguana. "Wanja wird gleich hier sein! Denk daran, was ich dir gesagt habe: keine Angst zeigen,
keine hektischen Bewegungen. Du bist der Boss, das muss das Pony spüren."
Tobbs nickte wenig überzeugt. Er stolperte beinahe über seinen langen Mantel, doch er packte den Zügel, den Anguana
ihm hinhielt, und zog das Pony hinter sich her. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er atmete tief durch und riss die Tür
zu Rusanien auf. Eine eisige Bö warf ihn beinahe um.
Das Pony hob den Kopf und spitzte die Ohren, dann stampfte es erwartungsvoll mit dem linken Vorderhuf auf und blies
Tobbs einen keuchenden, warmen Atemstoß in den Kragen. Anguanas Zähne klapperten vor Kälte, als sie neben ihn trat
und ihn zum Abschied kurz umarmte.
"Viel Glück, Tobbs. Und pass auf dich auf!"
"Danke, Anguana!", sagte er aus tiefstem Herzen. "Und pass du auf dich auf. Nach dem fünften Glas werden die Furien
streitsüchtig."
"Sollen sie nur, wer mit mir streitet, bekommt es mit den Quellgeistern zu tun. Los, los!" Sie gab dem Pony einen
Klaps und ehe Tobbs es sich versah, hatte es ihn bereits über die Schwelle mitgezogen.
Eine Sekunde später fand er sich auf rusanischem Boden wieder - das heißt: knietief im Schnee, unter einem sternenklaren
Himmel, von dem ein satter, orangeroter Vollmond schien. Hier musste es bereits Mitternacht sein. Die Taverne war nur
noch ein dunkles Gebilde - die optische Täuschung einer Wand aus Schatten und helleren Birkenstämmen. Niemand, der
durch den Wald irrte, würde jemals auf die Idee kommen, dass sich zwischen den Birkenstämmen eine Tür befand. Nur
ein schmales Rechteck aus Licht verband Tobbs noch mit dem vertrauten Gasthaus.
Tobbs sah das Aufblitzen von Anguanas goldblondem Haar, das hinter der zuklappenden Tür verschwand, dann war er
allein im dunklen Wald.
Tobbs schielte zu dem Pony und das Tier erwiderte seinen Blick ebenso misstrauisch. Und, was jetzt?, schien es zu
fragen. Tobbs erinnerte sich an Anguanas Lektion und führte sein Reittier entschlossen von der Tür weg. Es setzte
sich tatsächlich in Bewegung und folgte ihm brav zu einer breiten Kiefer mit tief hängenden Zweigen. Dort ließ Tobbs
es anhalten, warf den Zügel über einen Ast und rannte zu der Tür zurück, um die Hufspuren im Schnee zu
verwischen. Wieder im Versteck, konnte er die Taverne bereits nicht mehr sehen, aber er würde Wanja hören.
Weniger als eine Minute später saß Tobbs im Sattel, Anguanas Seil fest um die Taille verzurrt. In seinem Bauch hüpfte
eine panische Kröte auf und ab, die sich nur langsam beruhigte. Er atmete die eisige Nachtluft und fasste wieder
Mut. Bis jetzt lief alles glatt. Er konnte es selbst kaum glauben - er saß auf einem Reittier. Eisflocken froren an
seinen Wimpern fest und in der Ferne heulte ein Wolf. Endlich, als das Pony schon ungeduldig scharrte und die Kälte
durch die Nähte im Pelz zu kriechen begann, öffnete sich die Tür. Stimmen drangen in den nachtstillen Wald und wurden
gleich darauf vom wattedichten Schnee verschluckt.
Hektisch zog er die Zügel an und lauschte. Das Pony spitzte die Ohren. Dopoulos brummelte etwas und Wanja
antwortete. Gleich darauf hörte Tobbs dumpfen Galoppschlag. Er kam näher und näher, stampfte direkt hinter
der dicken Kiefer vorbei und wurde wieder leiser. Das Pony warf ungeduldig den Kopf hoch und stemmte sich mit
aller Kraft gegen den Zaum. Kein Zweifel - es wollte laufen. Tobbs wartete noch, bis die Tür wieder ins Schloss
fiel, dann drückte er kräftig die Fersen in die Seiten des Ponys und gab die Zügel frei.
*
Der scharfe Ruck nahm ihm die Luft. Das Pony, durch zehn Kilo Hafer bestens aufgetankt, schoss so schnell los, dass
er hart in den Sattel zurückgeworfen wurde. In dem schreckstarren Moment, in dem das Tier Tobbs mit einem
hinterhältigen Ruck die Zügel aus den Händen riss und er sich verzweifelt an die Mähne klammerte, erkannte er,
dass er eine Dummheit begangen hatte.
Dieses Pony war ganz offensichtlich kein gewöhnliches Pony. Es war ein Kurierpferd und es verstand sein
Geschäft. Es hatte bestimmt hart gearbeitet, um so weit zu kommen. Früher hatten es die anderen wegen seiner
kurzen Beine ausgelacht, und gerade deswegen war es seit jeher fest entschlossen, das Unglaubliche zu
schaffen. Wenn es schlief, träumte es davon, die schnellsten Pferde Rusaniens mit hämischem Wiehern zu überholen
und ihre Rekorde triumphierend in Grund und Boden zu stampfen. Im wachen Zustand lebte es diesen Traum. Es war
besessen, es war fanatisch, es war zu allem bereit.
Unter seinen Hufen raste der Schneeboden dahin, ab und zu nur blendete Tobbs das Aufblitzen eines
Hufeisens. Mähnenhaar verfing sich in seinem Mund und er spuckte und keuchte, während ein gewaltiger Sog ihm die
Lider zudrücken wollte. Der Schnee stach wie tausend Nadeln auf seinen Wangen. Und trotz des Seils schlug der Sattel
schmerzhaft gegen sein Gesäß, als würde ihn jemand erbarmungslos verprügeln. Nur schemenhaft erkannte er, dass sie den
Wald hinter sich ließen und auf eine Kette von runden Hügeln zusteuerten. Tobbs erinnerte sich vage, dass Wanja von
den neun Hügeln hinter dem siebten Königreich erzählt hatte. Mühsam hob er den Kopf und sah, wie die Schmiedin - ein
kleiner roter Punkt am Horizont - gerade über der Hügelkuppe verschwand.
Das Pony quiekte entrüstet und legte die Ohren an. Tobbs ahnte Schlimmes. Dieses ehrgeizige Bündel Fell und Hufe konnte
es ganz eindeutig nicht leiden, der zweite in der Reihe zu sein. Die Muskeln spannten sich und der mörderische Galopp
verwandelte sich in den glatten Flug eines Pfeils. Wenn Tobbs nun hinunterblickte, sah er keine Beine mehr, nur noch
ein weißliches Etwas wie einen Nebelschweif. Der herrenlose Zügel flatterte und klatschte ihm wie eine Peitsche über
die Wange, aber er traute sich nicht die Hände von der Mähne zu nehmen und ihn zu ergreifen. Wenn er jetzt das
Gleichgewicht verlor und zur Seite kippte, würden die rasenden Hufe ihn schreddern und seine kläglichen Reste unter
die Schneewehen baggern, ehe er "Fiep!" sagen konnte. Also duckte er sich noch tiefer über den Hals und betete zu
Kali und allen anderen Göttern, dass das Pony zur Vernunft kommen würde.
Doch das Tier hatte andere Pläne.
Nachteulen flatterten lautlos auf, Fuchsaugen leuchteten im Mondlicht. Der erste Hügel raste vorbei, der zweite -
und der dritte. Tobbs fühlte längst seine Hände nicht mehr und seine Nase, das wusste er mit Sicherheit, würde ihm
jeden Augenblick gefroren aus dem Gesicht fallen. Seine Knie zitterten bereits vor Erschöpfung. Irgendwann musste
diesem Psychopathen auf vier Hufen doch die Puste ausgehen!
Als er das nächste Mal den Kopf hob und blinzelte, entdeckte er, dass Wanja nicht mehr weit entfernt war. Und nun
blickte sie sich auch noch über die Schulter nach ihm um! Ihr grimmiges Gesicht schwebte wie das bleiche Antlitz
einer sehr wütenden Göttin über dem Pelzkragen. Aus. Seine Tarnung war aufgeflogen.
Dann sah er, wie Wanja Schwung holte - und sich mit einer wendigen Bewegung auf dem Pferderücken umdrehte! Wie ein
Zirkusreiter saß sie in halsbrecherischem Galopp verkehrt herum auf Rubin. Ebenso flink griff sie hinter sich und
zog einen langen Gegenstand hervor.
Tobbs brauchte ganze fünf Galoppsprünge, um das Unbegreifliche zu begreifen: Das lange Ding in ihrer Hand war ein
Jagdgewehr,mit dem sie nun auf ihn zielte. Sie hatte ihn gar nicht erkannt! Wie auch? Sie sah ja nur einen Reiter
mit Pelzmütze, der sie in halsbrecherischem Tempo verfolgte. Wanja würde ihn erschießen. Er würde stürzen, die Hufe
würden ihn in die Schneewehe stampfen. Und im Frühjahr würden die Bären seine kläglichen Reste aus den halb
geschmolzenen Schneehaufen graben und mit seinem Schädel Fußball spielen.
"Wanja, nein!", brüllte er.
Die Schmiedin stutzte. Ganz von selbst löste sich Tobbs' rechte Hand von der Mähne und riss die Fellmütze vom
Kopf. Hoffentlich sah Wanja im Mondlicht das blaue Haar!
"Ich bin's! Tobbs! Nicht schießen!"
Wanja riss die Augen auf, ihr Kiefer klappte nach unten und der Gewehrlauf senkte sich - genau in dem Moment, als
Tobbs an ihr vorbeischoss und das Pony ein hämisches Wiehern von sich gab, für das es sicher oft heimlich auf der
Weide geübt hatte. Dann waren sie schon vorbei und das Pony raste weiter. Irgendwo auf der Welt gab es sicher noch
Pferde, die es überholen konnte.
"...obbs!", hörte Tobbs noch Wanjas verwaschenen Ruf, dann war er allein. Und ohne Mütze. Verzweifelt blickte er
nach links und rechts. Keine Rettung in Sicht. Bei einem kurzen und balancetechnisch sehr gewagten Blick über die
Schulter entdeckte er, dass Wanja wieder richtig herum auf dem Pferd saß und mit Rubin die Verfolgung aufgenommen
hatte, allerdings war dem Pony auch nicht entgangen, dass der Konkurrent ihm wieder auf den Fersen war.
Hügel Nummer vier.
Er hatte nur eine Chance: Er musste von diesem Wahnsinn auf vier Hufen runter. Und zwar bald.
Hügel Nummer fünf.
Verzweifelt hielt Tobbs nach einer besonders weichen Schneewehe Ausschau, aber die Aussichten waren mau. Immer dichter
wurden die Bäume, manchmal streiften seine Knie schmerzhaft die dünnen Baumstämme, denn das Pony konnte zwar rennen,
aber mit seinem Augenmaß war es weniger gut bestellt. Für Tobbs war es ein Rätsel, wie es mit der Nase überhaupt in
einen Hafereimer treffen konnte. Und jetzt preschte es geradewegs auf eine ausladende Buche zu, deren tief hängende
äste sich ziemlich genau auf der Höhe von Tobbs' Magen befanden. Ducken oder draufgehen?
"Ducken!", schrie Wanja von hinten. Doch Tobbs hatte genug. Seine Hand glitt zu Anguanas Seil und löste es.
Eigentlich hatte er vorgehabt, zu springen und sich festzuklammern, doch der Ast kam ihm zuvor und traf ihn mit
voller Wucht. Tobbs wurde darumgewickelt wie ein Stück Spaghetti um eine Gabel. Eine Tonne Schnee löste sich aus
der Baumkrone und prasselte auf ihn herab. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er den Ast nicht mehr loslassen
können. Die Hufschläge des Ponys entfernten sich, stattdessen wurde Rubins Schnauben lauter.
"Tobbs?" Wanjas Stimme klang vor Schreck ganz hoch. "Lebst du noch?"
Tobbs versuchte zu nicken, was eine weitere Lawine in Gang setzte. Jetzt verlor er das Gleichgewicht. Vereiste Rinde
schabte über sein Kinn, dann fiel er - und wurde von zwei starken, mit Pelz gepolsterten Armen sanft
aufgefangen. Wanja sprang mit ihm von Rubins Rücken, ging vorsichtig in die Knie und setzte ihn in den Schnee
unter dem Baum. Vor Schreck war sie so blass, dass sie im Mondlicht wie ein Gespenst wirkte. Tobbs lächelte
schief. Wanja zog sich einen Fäustling von der Hand und fuhr ihm durch das vereiste Haar.
"Ich hätte es wissen müssen", sagte sie. "Da halte ich Dopoulos eine Predigt über dich, aber ich selbst falle
darauf herein, dass du lammfromm zu Hause bleiben willst, nur, weil ich es dir sage. Meine Güte, Dopoulos wird
der Schlag treffen, wenn er erfährt, wo du gerade bist!"
Tobbs spuckte ein bitter schmeckendes ästchen aus und verzog den Mund. "Es ist mir egal, was Dopoulos dazu sagt",
meinte er trotzig. "Wenn ihr mir die Wahrheit sagen würdet, müsste ich mich nicht selbst auf den Weg machen. Und
denk nur nicht, dass ich in die Taverne zurückgehe. Du nimmst mich mit zu Baba Jaga oder ich werde dir notfalls
zu Fuß folgen."
Eigentlich hatte er erwartet, dass die Schmiedin nun wütend werden würde, aber Wanja wurde lediglich noch eine Spur
blasser und ließ sich in den Schnee zurücksinken. Rubin schnaubte auf eine Art, die seine Verachtung deutlich zum
Ausdruck brachte.
Wanja seufzte und nahm ihre Pelzkappe ab. Dampf stieg aus ihrem verschwitzten Haar auf. Es war ungewohnt, sie mit
so kurzen Locken zu sehen. Auf den ersten Blick hätte man sie nun für einen Mann halten können. Allerdings für
einen hübschen Mann.
"Ach Tobbs", murmelte sie. "Du würdest wirklich alles dafür tun, um zu erfahren, woher du kommst. Ich wusste nicht,
dass es dir so wichtig ist. Du hast dich sogar freiwillig auf ein Pferd gesetzt!"
"Ich würde alles dafür tun, um mir keine Lügen und Ausflüchte mehr anhören zu müssen!"
Wanja senkte den Blick. "Ich belüge dich nicht", sagte sie. "Aber du bist zu jung, um ..."
"Ich komme mit zu deiner Tante. Mein Pony ist weg. Zu Fuß zurückgehen werde ich ganz sicher nicht, und wenn du mich
zurückbringst, verlierst du nur Zeit. Also?"
"Es ist zu gefährlich, Tobbs."
Tobbs war so wütend, dass ihm trotz der Kälte glühend heiß wurde.
"Such es dir aus", sagte er, stand auf und klopfte sich den Schnee vom Mantel. "Bring mich zurück, aber ich verspreche
dir, dass ich dir in einer Stunde wieder auf den Fersen bin. Und ich weiß nicht, was gefährlicher ist: Wenn ich ohne
Pferd allein durch den Wald laufe, während mit roten Pfeilen bewaffnete Irre hier herumstreifen, oder wenn du mich
mitnimmst."
"Ich staune", sagte Wanja mit gefährlicher Ruhe. "Unser zuverlässiger Schankjunge. Er ist nett, zuvorkommend und der
Sonnenschein der Furien und Todesfeen. Und dieser anständige junge Mann startet doch tatsächlich bei mir einen ganz
miesen Erpressungsversuch!"
Tobbs bemühte sich, ein ausdrucksloses Gesicht zu machen.
"Tja, das wäre durchaus möglich", entgegnete er trocken. "Hm - meinst du, die Rotpfeile sind schon bei deiner Tante
und haben diesen geheimnisvollen Schatz geraubt? Aber wenn du soviel Zeit hast, mich erst noch zur Taverne
zurückzubringen ..."
Das war gemein und Tobbs kam sich ziemlich schäbig vor. Wanja zuckte zusammen und fluchte.
"Das wird dir noch leid tun", zischte sie. Dann packte sie ihn einfach am Mantelkragen und verfrachtete ihn unsanft
auf Rubins Rücken. Beim Anblick des gemeinen Pferdes wurde Tobbs wieder flau im Magen. Wanja drückte ihm ihre
Pelzmütze grob auf den Kopf und zog sie ihm bis über die Augen. Und ehe er sie wieder zurückschieben konnte, saß
die Schmiedin schon hinter ihm auf dem Pferd.
Die Jagd begann.
c) Ravensburger Buchverlag, 2007
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