Leseprobe "Der Bund der Wölfe"

Seiten 7 bis 15


Es


Seit unendlich langer Zeit kroch Es durch die Gänge. Nachtdunkel waren sie, aber Seine Augen nahmen jedes Schattenspiel in den Winkeln wahr, jeden Spalt zwischen den steinernen Bodenplatten und jede Duftnuance, die zwischen altem Staub und einem neuen, unbekannten Geruch wechselte. Immer wieder hatte Es versucht, sich aufzurichten, nur um sich am Ende doch wie gewohnt auf allen vieren fortzubewegen.
Auch die klingende Gestalt, die ihm jetzt auf zwei Beinen vorauslief, hatte wohl eingesehen, dass Es kriechend schneller war, viel schneller als sie, die in der Dunkelheit nicht gut zu sehen schien. Mühsam tastete sie sich an den Wänden entlang, stolperte hin und wieder und stieß dabei jedes Mal wütende Laute aus.
Im Gleichtakt mit Seinem schabenden Atem klickten Seine Krallen über den Stein, der sich plötzlich nicht mehr rau und kalt anfühlte, sondern ungewohnt glatt. Der Raum dehnte sich um Seinen Körper herum in eine Unendlichkeit aus, die Es bis ins Mark erschreckte. Von einem Augenblick zum anderen schien Es im Nichts zu schweben oder in einem jener Träume, die Es so oft heimsuchten. Wenn Es schlief, zersplitterte seine Welt in Farben, Bilder und Fratzen, bis Es mit schmerzenden Klauen hochschrak, weil Es sich in der Traumwelt in Eisen gekrallt hatte. Es roch Blut und erwachte im Moderduft seiner vertrauten, niedrigen Höhle, in der Es seine Tage durchdämmerte. Kratzspuren säumten die grauen Wände ringsum.
Doch dieser Ort hier schien kein trügerisches Bild zu sein. Die freundlichen Laute, die die Gestalt von sich gegeben hatte, konnte Es nicht verstehen, doch manche waren vertraut und taten ihm wohl. Immer noch lief die Klingende voraus, geduckt und so schnell, dass Es ihr schließlich über den glatten Boden nachzufliegen schien, trunken von der Weite der Halle. Die Welt roch anders hier – seltsam beißend, und alle Laute klangen hell. Als Es sich hinunterbeugte und mit der Nase über den glatten Untergrund streifte, rief ihn die Klingende zurück.
„Komm!“, drängte sie. Dieses Wort kannte Es gut, aber aus dem Mund der fremden Gestalt klang es nicht wie ein Befehl, sondern wie eine Liebkosung. „Komm, bitte, komm mit!“, flehte die Stimme und plötzlich kam die Klingende zurück und beugte sich zu ihm hinab. Ihre Umarmung schloss Es ein. Es spürte ihre Angst, nahm sie in sich auf, bis Seine Muskeln zu zittern begannen und Es vor Furcht die Augen schloss. Grelle, fremde Bilder stürmten auf Es ein. Dennoch ließ Es sich hochziehen. Es knurrte, weil die Berührung ungewohnt war – vielleicht sogar eine Gefahr. Schwankend und gebeugt stand Es da und stützte sich auf das Wesen, dessen rasenden Herzschlag Es spüren konnte.
„Komm mit!“, wiederholte die Klingende. Hautgeruch stieg Ihm in die Nase, angenehm und seltsam vertraut. Es ließ sich wieder auf den Boden fallen. Geflüsterte, unverständliche Laute drangen in Sein Bewusstsein. Doch die Klingende schien das Schleichen und Scharren nicht zu hören, das nun immer lauter wurde. Licht zuckte über Boden und Wände. Die Klingende schrie. Es kroch zurück, so schnell, dass Es gegen etwas Durchsichtiges, Hartes stieß und vor Schmerz aufjaulte. Eine Stimme dröhnte, Schreie, Getrappel. Etwas streifte an Seiner Schulter entlang. Zum ersten Mal in Seinem Leben schnappte Es nach einer Hand, aber die Zähne klackten in der Luft zusammen, denn im Licht war Es blind. Ein dumpfer Schlag war zu hören, als eine Gestalt die Klingende ergriff und sie auf den Boden schleuderte. Schmerzlaute und scharfe Worte flogen hin und her, jemand brüllte die Klingende an, die auf dem Boden kauerte, ähnlich Ihm selbst. Sie rief etwas, dann ertönte ein Schlag.
„Komm!“ Wieder das Wort, diesmal ein Befehl. Fauchend zeigte Es die Zähne. Licht biss in Seine Augen, huschte über den Boden, leckte über das glatte Durchsichtige und sprang Es an. Es wandte den Kopf und floh. Im nächsten Augenblick zersplitterte Seine Welt in Schmerz. Zähne gruben sich in Hals und Schulter. Die Klingende schrie ein letztes Mal auf. Blutgeruch hüllte Es ein. Dann war alles still.



Blanka


Blanka fror. Obwohl es Mitte April war, hatte sie ihren Mantel nicht mitgenommen. Sie war davon ausgegangen, die Nachtführung, an der alle neuen Schüler teilnahmen, würde im Inneren des Gebäudes stattfinden. Nun stand sie hier in der hintersten Ecke des Parks am Waldrand. Als kantige Silhouette hob sich das Schulhaus vom Nachthimmel ab. Fackelschein erhellte die Bäume. Gerade waren zwei Maskierte in dunklen Umhängen aufgetaucht und hatten die zweite Gruppe der Schüler weggeführt. Nun waren sie nur noch zu viert hier: zwei Schülerinnen, die sich bereits zusammengetan hatten und – etwas abseits von ihnen – Blanka und ein blasser, blonder Junge, der ihr bei der Begrüßungsveranstaltung heute Morgen nicht aufgefallen war.
„Sieht aus, als würden sie zu einer Hinrichtung abgeführt, oder?“, sagte er und zupfte am Reißverschluss seiner Jacke. Blanka schlang die Arme um den Körper und blickte der kleinen Prozession nach, bis sie nur noch tanzende Lichtpunkte erkannte. Das Letzte, worauf sie jetzt Lust hatte, war eine Unterhaltung. Es musste schon nach Mitternacht sein. Vergeblich kämpfte sie gegen die Müdigkeit an. Wie ein Bilderbogen zogen die vergangenen Stunden an ihr vorbei: die lange Fahrt im Zug, die Begrüßung, ihr neues Zimmer im Wohntrakt der Europaschule, in dem sie die Probezeit bis zur Aufnahmeprüfung verbringen würde.
„Wenn es so weitergeht, stehen wir morgen früh noch herum“, versuchte der Junge noch einmal, das Gespräch aufzunehmen.
„Wenn ich gewusst hätte, dass wir uns hier den Hintern abfrieren müssen, wäre ich einen Tag später hergekommen.“ Die tanzenden Fackelpunkte verloschen in der Ferne. „Der Typ, der uns heute die Zimmer gezeigt hat, meinte, die Führung geht bis zum Waisenfriedhof“, fuhr der Junge fort. „Der alte Waldfriedhof, der früher zum Kloster gehörte.“ Nervös nestelte er an seiner Fleece-Jacke. „Ich wette, da springen ein paar von den Irren hinter den Grabsteinen hoch und schreien ‘Buh!’. Und dann die blöden Kostüme. Albern ist das.“
Blanka betrachtete das Schulhaus und versuchte sich vorzustellen, dass anstelle des modernen Flachdachbaus mit den vielen Glasfenstern vor einigen Jahrhunderten hier ein Kloster gewesen war. In der Broschüre war eine alte Zeichnung des ursprünglichen Gebäudes abgebildet. Nur der alte Waisenfriedhof mit der Belverina-Kapelle und die Ausstellungsstücke im Museumskeller erinnerten an die Vergangenheit dieses Ortes. Und natürlich dieser pseudomittelalterliche Bund der „Wölfe“, zu dem nur ältere Schüler gehörten. Alles kindischer Hokuspokus, dachte Blanka.
„Was hast du für einen Schwerpunkt?“, fragte der Junge.
„Mathe mit Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik.“
„Oh, du kannst also doch sprechen.“ Er grinste schief. „Ich habe mich für den Kunst-Förderkurs eingeschrieben. Ich heiße übrigens Jan.“
„So.“
„Nerve ich dich?“
„Wie kommst du bloß darauf?“, erwiderte sie schroff. Noch während sie den Satz aussprach, tat ihr die Unhöflichkeit bereits Leid. Seit ihrem Geburtstag, diesem verflixten sechzehnten Geburtstag, an dem alles schief gelaufen war, was im Leben nur schief laufen konnte, hatte sie wohl verlernt, wie man sich mit anderen Leuten unterhielt. Jan verstummte prompt und betrachtete die Fackeln, die in einem Halbkreis in eisernen Halterungen staken. Die Mädchen schlenderten ein Stück weiter, um ungestört SMS schreiben zu können. Es verging eine schweigsame halbe Stunde, bis die Fackelpunkte wieder zu tanzen begannen.
Fünf Gestalten kamen über das Rasenstück auf sie zu. Zwei waren als Wölfe maskiert, die anderen trugen mittelalterlich anmutende Gewänder. Eins davon leuchtete in Gelb und Rot.
„Warum sind es jetzt so viele?“, flüsterte Jan.
„Vier halten uns fest, einer schwingt das Beil“, erwiderte Blanka. Jan zeigte ein nervöses Lächeln.
„Noch machen wir Witze. Aber auf der Herfahrt habe ich einen Studenten getroffen, der mal hier an der Schule war. Er hat mir etwas von den Wölfen erzählt, das gar nicht so lustig war.“
„Nun, offensichtlich hat er die Nachtführung überlebt.“
„Den Mummenschanz hat er nicht erwähnt. Er meinte nur, dass die Wölfe allesamt Freaks seien und dass ich auf mich aufpassen soll. Einen Typen, der ihnen in die Quere kam, haben sie nachts aus seinem Zimmer geholt, ihn in einen Sack gesteckt und in den Fluss geworfen.“
„Was?“
„Er hat bestimmt nicht übertrieben.“ Plötzlich flüsterte Jan, als könnten ihn die Herannahenden bereits hören. „Der Sack war zwar leicht wieder aufzukriegen und der Fluss an dieser Stelle nur eineinhalb Meter tief, aber trotzdem ...“
Blanka fröstelte. Die Nacht schien noch kälter geworden sein. „Was ist dann passiert?“
„Er konnte den Wölfen nichts nachweisen. Die hatten alle Alibis, und der damalige Rektor hat ihnen geglaubt.“
„Reg dich ab“, sagte Blanka. „Das ist nur eine Führung – im Prospekt gilt sie als Touristenattraktion. Einmal über das Gelände, zum alten Herrenhaus und zum Friedhof, das ist alles.“
„Ruhe! Hier habt ihr zu schweigen.“
Blanka und Jan fuhren herum. Spitze Fänge glänzten im Fackelschein, leere Augenhöhlen starrten sie an. Ein großer Junge in einer Wolfsmaske trat zu ihnen heran. Er hatte eine drahtige Figur und trug einen Speer in der Hand. Sein Fellmantel war schäbig und roch, als hätte er lange in einem feuchten Keller gelegen. Neben ihm war ein weiterer Maskierter aus dem Wald getreten. Er trug ein dunkelgrünes Priestergewand und eine eiserne Maske. Blanka verkniff sich einen bissigen Kommentar. Der Schauerauftritt hatte gesessen. Wie lange mochten die zwei hinter ihnen im Wald gelauert haben? Inzwischen waren auch die anderen Maskierten bei ihnen angelangt und kreisten die Neulinge ein.
„Wen nehmen wir?“, knurrte der Schüler in dem bunten Gewand. Von seinem Gürtel hing ein heller, langer Knochen, in den in regelmäßigen Abständen Löcher gebohrt worden waren. Möglicherweise stellte er eine Flöte dar. Schellen erklangen, als der Junge nach vorne sprang und Blanka einen groben Stoß versetzte.
„He!“, rief sie und wich einen Schritt zurück. Der Atem eines anderen Maskierten strich über ihren Nacken, und als sie sich umdrehte, blickte sie in hellblaue Augen.
„Na, wir nehmen die zwei dahinten und den Kleinen da! Er fürchtet sich sonst, so allein im Dunkeln!“ Es war eine weibliche Stimme. Blanka suchte in ihrer Erinnerung. War es vielleicht das Mädchen mit den kurzen Haaren, das ihnen die Zimmer zugewiesen hatte? Unter der kalkweißen Maske, die dem Gesicht einen strengen Ausdruck verlieh, quollen ein paar kurze Haarsträhnen hervor. Das schwarze Kostüm war einer Nonnentracht nachempfunden.
„Also ihr da hinten – und du!“, donnerte der Kerl, der Blanka angerempelt hatte, und deutete mit seiner Knochenflöte auf die Mädchen und Jan. Wie auf Kommando johlten die anderen los, zogen den Kreis enger, hoben drohend die Fackeln.
„Regt euch ab“, maulte Blankas Leidensgenosse, zog seine Jacke zurecht und trat entschlossen zu den zwei Mädchen. Zwei der Wölfe stellten sich rechts und links von der Gruppe auf. Sie nickten den anderen zu und marschierten mit den Neulingen in Richtung Schule davon. Jan zögerte, aber als er sah, dass Blanka nach ihrer Tasche griff und Anstalten machte, der Gruppe zu folgen, drehte er sich um und holte zu den anderen auf.
„Wohin?“, fragte die Nonne und trat Blanka in den Weg. „Wir können höchstens drei Leute pro Führung mitnehmen.“ Bevor Blanka antworten konnte, hatten die anderen eine Front vor ihr gebildet. Unwillkürlich drückte sie ihre Tasche an sich.
Der Große löste sich aus der Front und schritt einen Kreis um sie ab.
„Ist nicht mehr ganz so gemütlich, allein hier zu sein, nicht wahr?“, raunte er. Die anderen lachten wie auf Befehl.
„Was soll das?“, fragte Blanka.
„Eine echtes Schneewittchen“, rief der Anführer und streckte die Hand nach ihrem schwarzen Haar aus. Dunkle Augen glänzten im Wolfsgesicht. Blanka kam seine Stimme bekannt vor: ein großer Junge, sehr sportlich …
„Ich kenne dich“, sagte sie, wieder ruhiger geworden. „Du hast heute Nachmittag die neuen Schüler durch das Haus geführt. Du heißt Joaquim.“
„Hier bin ich nur eins: dein Albtraum, Blanka.“
„Ich bin beeindruckt“, erwiderte sie spöttisch. „Habt ihr lange gebraucht, um alle zehn neuen Namen auswendig zu lernen?“
„Wir wissen noch viel mehr über dich“, flüsterte Joaquim. „Du kommst aus einem Kaff im Schwarzwald, liest zu viele Krimis und willst Psychologie studieren. Du bist gut in Mathe – aber nicht gut genug für diese Schule.“
Am Pochen ihrer Finger spürte Blanka, wie fest sie die Riemen ihrer Tasche umklammerte. Die Wölfe schwiegen, waren nur noch eine Mauer aus Mäulern, Schattenflecken und Feuerzungen. Unmerklich rückten sie näher heran, die Nonne griff ihren Stock fester. Blanka zwang sich, ruhig zu antworten.
„Ist ja nicht zu fassen“, sagte sie zu Joaquim. „Ihr könnt sogar die Anmeldelisten für die Zimmervergabe lesen. Wenn ihr mit eurer kleinen Theatervorstellung fertig seid, können wir dann endlich gehen?“
Niemand antwortete. Die Stille wurde schwer wie eine erstickende Decke. Dann riss die Nonne den Stock hoch, stieß einen Kampfschrei aus und sprang. Der Stock schoss so schnell vor, dass Blanka kaum reagieren konnte. Direkt vor ihrer Nase stoppte die Waffe.
„Nasenbeinbruch“, flüsterte die Nonne. Blitzschnell holte sie wieder aus und trieb Blanka mit einem angedeuteten Schlag zur Seite. „Rippe!“ Die anderen Wölfe lachten. Blankas Herz raste, ihre Knie fühlten sich an wie aus Gummi. Das war kein Spaß mehr.
„Hast du Angst?“, flüsterte der Kerl mit der Knochenflöte. „Du solltest Angst haben.“

c) Verlag Sauerländer/aare, 2006



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