Leseprobe (Vorwort):

Das Gesetz der Taverne


Niemand bringt eigenes Essen mit. Schon gar nicht Essen, das sagen kann, wo es wohnt.

Keine magischen Duelle, keine Verfluchungen. Falls doch: Wanja zeigt euch gerne eure Tür.

Im Interesse der eigenen Sicherheit: Keine Witze über den Stammtisch der Schicksalsfrauen, Vegetarier oder unsere Katze. Wer über Wanja Witze macht, hat es nicht anders gewollt.

Gegen Witze über Elfen kann ich nichts machen. Wer solche Ohren hat, braucht sich nicht zu beschweren.

Achtung Dämonen und Hexen: Es werden hier keine Kinder geopfert. Es werden keine Erwachsenen geopfert. Es wird gar nichts geopfert, außer vielleicht der letzte Dalar, um die Schankschulden zu bezahlen. (Wir verstehen uns, Baba Jaga?)

Banshees und Sirenen sind von den Karaoke-Wettbewerben ausgeschlossen.

Draußen bleiben: Tiere, die beißen, spucken, stechen. Tiere mit magischen Fähigkeiten. Alle anderen Tiere. Leute, die sich in Tiere verwandeln können, betreten die Taverne gefälligst in ihrer zivilisierten Gestalt. Es sei denn, das Tier IST ihre zivilisierte Gestalt.

Wer die Katze quält, den wird Wanja quälen.

Seit der Sache mit Fairy-Sam gibt es neue Türen-Regeln: Eine kaputte Tür kostet 18 Dupeten, ein kaputtes Schloss 4 Dupeten. Zu zahlen an Wanja. Persönlich.

Hausverbot haben: alle Elfen. Welche überraschung.


Costas H. Dopoulos



Leseprobe "Die Reise nach Yndalamor"

Kapitel "Alte Bekannte"


Hart setzte die Kutsche wieder auf dem Boden auf. Der Stoß kam so unerwartet, dass Tobbs das Gleichgewicht verlor und gegen die Seitenwand geschleudert wurde. Ein loser Zügel klatschte an seine Stirn. "Halt!", schrie Sid. "Hej-barrrrrr!" Verzweifelt klammerte er sich an die lädierte Seitenwand.
Mit einem Schreckschauer erkannte Tobbs, dass der Dämon die Zügel verloren hatte.
"Er ... will ... nicht ... an ... hal ... ten ...", ratterte Sid.
Tobbs hangelte nach dem flatternden Zügel und bekam ihn zu fassen. "Stopp!", brüllte er dem Mancor zu und zog mit aller Kraft am Zügel. Der Mancor warf nur einen spöttischen, blau glühenden Blick über die Schulter, machte einen Bocksprung und keilte mit den Hinterbeinen aus! Der Zügel ruckte schmerzhaft in Tobbs' Hand. Panik erfasste ihn: Mamsie Matata! Auf keinen Fall durfte er zulassen, dass ihr Spiegel jetzt zerbrach! Er spürte zwei schlangengleich starke Arme, die ihn umklammerten. "Nicht loslassen!", brüllte Sid. Holz barst unter den Tritten des Mancors. Der Wagen brach und kippte auf die Seite. Aus dem Augenwinkel sah Tobbs, wie das heile Rad davonschlingerte und wie ein betrunkener Wanderer über den Plateaurand in die Schlucht kippte.
"Lass ihn nicht los!", piepste Sid. "Auf keinen Fall loslassen!"
Eine Sekunde war Stille dann zog ein schmerzhafter Ruck an seinem Handgelenk. Der Zügel zurrte sich um seine Finger fest und riss ihn aus den Trümmern des Streitwagens. Der Spiegelrahmen bohrte sich in seine Hüfte. Mit aller Kraft versuchte er auf dem Bauch zu bleiben, um Mamsie Matata zu schützen. Mit Sid, der sich an ihn klammerte, wurde er über den Boden geschleift direkt auf die Tavernentür zu! Trockenes Gras und Erde klatschten ihnen ins Gesicht.
Bei jedem Sprung schien der Mancor kleiner und kleiner zu werden, bis er die Größe eines normalen Tigers erreicht hatte. Seine Kraft schien sich indessen zu verdoppeln er peitschte mit dem Löwenschwanz und stürmte geradewegs durch die Tür!
Tobbs senkte im letzten Moment den Kopf und kniff die Augen zu. Es fühlte sich an, als würde er gegen eine Gummiwand aus zähen Minuten prallen. Sein Herz bremste herunter, bis er glaubte, es würde gar nicht mehr schlagen. Das Blut sackte in seinen Bauch, ihm wurde schwindlig und der Atem kam nicht in seine Lunge. In diesem unwirklichen Moment endlos gedehnter Zeit sah er ganz am Ende des Flurs eine Gestalt sie hatte eine Zuckerdose in der Hand und trug eine Schürze. Dopoulos! Der Wirt drehte in Zeitlupe den Kopf und blieb regungslos stehen. Unendlich langsam klappte sein Mund auf und die Augen drohten aus den Höhlen zu springen. Ungläubig starrte er auf das Bild, das sich ihm bot. Dann hatte sich Tobbs' Körper sich endgültig auf die Tavernenzeit eingetaktet und ließ sein Herz im gewohnten Rhythmus schlagen.
Jemand musste die Tür zum Festsaal geöffnet haben, denn die Dämonenmusik schallte nun auch durch diesen Flur. Sie traf Tobbs mit voller Wucht, schüttelte ihn durch und wummerte gegen seine Schläfen im selben Takt donnerten die Hufschläge des Mancors über den gebohnerten Boden, der nur so unter ihnen dahinzischte. Schwach nahm er den Honiggeruch von Dopoulos' selbstgemachtem Bohnerwachs wahr, dann erklang ein Splittern. Tausend Spreißel bohrten sich wie kleine Pfeile in Tobbs' Arme. Fliegender Schlamm ohrfeigte ihn bei jedem Galoppsprung des Mancors. Irgendwo unter seiner rechten untersten Rippe wimmerte Sid. Unendlich weit wurden sie durch nasses Gras geschleift. Tobbs tastete mit seiner freien Hand nach dem verhedderten Zügel und zog mit aller Kraft daran. Rechts und links von ihm erklangen Schreie, etwas klirrte wie zerbrechendes Porzellan und etwas viel Größeres barst mit einem Geräusch wie Steinschlag. Nur langsam lockerte sich die Schlinge, bei jedem Sprung ein bisschen mehr. Endlich, als Tobbs das Reißen von Stoff hörte, glitt der Zügel von seiner Hand ab. Die Wucht des letzten Sprungs schleuderte ihn und Sid aus der Kurve. Tobbs schlitterte auf einen Graben zu und landete zum Glück bäuchlings in einem Haufen Gestrüpp. Die donnernden Hufschläge des Mancors entfernten sich. Tobbs spuckte eine Handvoll faulig schmeckender Erde aus und tastete mit seiner Zunge nach seinen Zähnen sie waren noch da. Auch seine Hände waren noch da und seine Beine. Sein Körper konnte sich offenbar nicht entscheiden, welche Stelle am meisten wehtat und verteilte den Schmerz einfach großzügig über alle Gliedmaßen. Mühsam öffnete er die Augen, hob den Kopf und blickte in einen orangeblauen Abendhimmel, an dem schon die ersten Sterne blinzelten. Das war ganz eindeutig nicht Yndalamor. Erschrocken tastete er nach dem Spiegel auf seinem Rücken. Er war fort! Er hatte Mamsie Matata verloren! Und wo war Sid?
Direkt vor seiner Nase lag ein zerbrochener Holzlöffel. Der stammte ganz eindeutig nicht aus Dopoulos' Küche. Nicht weit davon entdeckte er einen verbeulten Topf und die Trümmer mehrerer Weinfässer.
"Sid?", flüsterte Tobbs. "Sid, lebst du noch?"
Am Grabenrand über ihm stöhnte ein geplatztes Kissen und richtete sich schwankend auf. "Mehr oder weniger!", krächzte das federbeklebte Gespenst und zog sich die zerfetzte Kissenhülle vom Kopf. Tobbs atmete erleichtert auf und kroch die Grabenwand hoch. Sid sah sich benommen um und erstarrte.
"Wow!", stieß er hervor. Tobbs erreichte den Grabenrand und folgte dem Blick des Dämons. Für das, was er nun sah, würde Kali ihn in winzige Stücke zerfetzen und diese in alle Winde zerstreuen!
Der Mancor hatte mit seinen mörderischen Hufen eine Schneise gezogen fein säuberlich mitten durch ein Dorf hindurch. Und auch mitten durch drei Häuser. Auf den Apfelbäumen in den Vorgärten schaukelten einige Dorfbewohner in verschiedenen Stadien des Bekleidetseins wie schwere Vögel auf und ab andere hatten sich auf die mitten entzwei geborstenen Dächer geflüchtet und starrten fassungslos dem Mancor hinterher, der eben am glutroten Horizont verschwand. Eine Furche der Zerstörung, angefüllt mit zerbrochenen Möbeln, markierte den Weg, den Kalis Ungeheuer eingeschlagen hatte.
Ein untersetzter Mann mit einer geblümten Nachtmütze auf dem Kopf machte seinen Mund wieder zu, rutschte vorsichtig von einem der Dächer und blickte sich irritiert um. Er entdeckte Tobbs und Sid und stutzte. Hier musste die Zeit langsamer voranschreiten als in Dopoulos' Taverne, denn Tobbs konnte die Gedanken des Mannes geradezu sehen: alte Weiblein mit Krückstöcken, die nun grimmig auf ihn zuwackelten.
"Aufstehen, Sid!", wisperte er. "Mach schon!"
Blasse, zerschrammte Gesichter wandten sich ihnen zu. Doch niemand rührte sich oder sagte ein Wort. Tobbs packte Sid an der Hand und zog ihn hoch. Hand in Hand taumelten sie vom Graben weg, während die Dorfbewohner ihnen nachschauten.
"Wir müssen verschwinden, bevor sie anfangen zu denken", zischte Tobbs dem Dämon zu. "Am besten in den Wald. Geh ganz langsam, als würden wir nur einen Spaziergang machen."
Fünf oder zehn Schritte folgten sie der Furche, die der Mancor in den Boden gerissen hatte, ohne dass einer der Dorfbewohner sie daran hinderte.
"Wenn wir da vorne bei der zerbrochenen Schnapsflasche sind, rennen wir los!", befahl Tobbs. Sid nickte nur. Beim letzten Schritt vor der Flasche zog er plötzlich an Tobbs' Hand und blieb stehen.
Direkt vor ihnen, im aufgeworfenen schlammigen Erdreich, lag eine Gestalt. Mit einem Ruck setzte sie sich auf, wischte sich den Schmutz vom Gesicht und schüttelte den Kopf wie ein Hund nach dem Bad. Glasige, grüne Augen glänzten auf, die sich beim Blick auf Tobbs allerdings zu Schlitzen verengten.
"Du warsashier also, Tobbs!", lallte Fairy Sam. Offenbar hatte er seit ihrem letzten Gespräch an der Tür eine weitere wichtige Unterredung mit der Schnapsflasche geführt.
Schwere Schritte stampften durch den Morast hinter Tobbs und Sid. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube blickte Tobbs sich um.
Hinter ihm stand eine Front aus töricht faszinierten, schlammverschmierten Gesichtern und zerrissenen Hemden, die im Abendwind wie Banner wehten. Eine Frau ließ ein verbogenes Küchenmesser fallen und streckte die Hände nach Fairy Sam aus.
"Ein Elf!", flüsterte sie mit einem verklärten Lächeln. "Wie schön er ist!" Andächtiges Raunen ging durch die Gruppe. Frauen seufzten, ein Mädchen begann zu weinen.
Fairy Sam nickte huldvoll und rappelte sich auf. Schwankend blieb er stehen und deutete mit großer Geste auf seine Brust.
"Gansrecht, ich bineinelf!", rief er. Dann schwenkte er den Arm in Tobbs' Richtung. "Aber diejadrüben nich dassis nämmich die Brutes Teufels!"
Alle Dorfbewohner das heißt die, die sich von Sams Anblick losreißen konnten, sahen zu dem Mann mit der Nachtmütze.
Er kniff die Augen zusammen und addierte offenbar sorgfältig die Fakten:

Ein Ungeheuer, das sein Dorf in den Boden stampfte,
plus
zwei dubiose Gestalten, die es begleiteten,
plus
ein Elf, der die beiden als Gäste aus der Hölle identifizierte,
minus
gute Laune.


"Oh je", sagte Sid.
"Auf siiiiie!", brüllte Nachtmütze. Er hob eine lädierte Mistgabel auf, der zwei Zinken fehlten, und stürmte mit Wutgebrüll los.
"Lauf!", flüsterte Tobbs. "Zum Wald!"

c) Verlag Ravensburger, 2007



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