Leseprobe "Die Rückkehr der Zehnten"

Kapitel "Mokoschs Träume"


Die Mitglieder des geheimen Rates der Desetnica verhielten sich in diesen Tagen still und unauffällig. Die Versammlungen wurden ausgesetzt, alle waren auf der Hut vor Niams Spähern. Manchmal erkannte Lis sie - es waren Männer oder Frauen, die unauffällig den Gesprächen in den Gassen lauschten. Dann wechselte Lis sofort das Thema, aber nicht den Tonfall und unterhielt sich mit Tona über das Färben von Stoff und die Zubereitung der kleinen, gefleckten Katzenhaie, die die ganze Nacht in salziges Zitronenwasser eingelegt wurden, damit ihr Fleisch duftend und zart wurde.
Die Fürstentochter Mokosch sah sie in diesen Tagen mehr als einmal. Stets trug sie den Goldschmuck auf der Stirn und das Haar lang und offen. Begleitet wurde sie nun von zwei Wächtern. Lis wunderte sich, dass sie die Fürstentochter niemals in Begleitung von Niam oder dem Fürsten sah. Einmal bemerkte sie, wie Mokosch einem der Wächter, die vor dem Priesterturm standen, mehrere Goldmünzen gab, die er verstohlen einsteckte und mit einem kurzen Nicken quittierte. Am dritten Tag nach ihrer ersten Begegnung siegte Lis' Neugier und sie beschloss mehr über die traurige Fürstentochter zu erfahren.
Wie sie vorausgesehen hatte, begegnete sie Mokosch, als diese mit ihren Wachen von einem Besuch bei Zlata zurückkehrte. Der Weidenkorb, den die Fürstentochter über dem Arm trug, war leer, offensichtlich hatte sie der alten Priesterin Wein und Speisen zum Geschenk gemacht und war nun auf dem Weg zurück in den Palast. Lis trat an sie heran und lächelte den Wächter, der sich sofort zwischen sie und Mokosch drängte, freundlich an.
"Verschwinde", knurrte er.
"Das werde ich gerne tun", erwiderte Lis. "Aber erst habe ich eine Botschaft für deine Herrin."
Mokosch sah erschrocken und blass aus. Der zweite Wächter antwortete sofort, ohne sich darum zu kümmern, ob seine Herrin etwas sagen wollte. "Eine Botschaft kannst du ihrem Diener im Palast überbringen. Aus dem Weg."
Lis wich einen Schritt zurück, machte aber den Weg nicht frei. Mit klopfendem Herzen sah sie, wie die Hand des Wächters in Richtung Schwert wanderte.
"Willst du dich gegen eine Dienerin mit dem Schwert verteidigen?", sagte sie leichthin. "Ich habe eine Nachricht für Mokosch. Ich bin Lisanja, die Dienerin von Karjan, der Gast im Hause von Niam ist."
"Ich will nicht hören, was Niams Gast mir zu sagen hat." Mokoschs Stimme klang leise, aber scharf.
Lis hatte diese Antwort erwartet. Sie lächelte und trat beiseite.
"Wie du wünschst, Mokosch. Ich dachte, du würdest dich freuen zu erfahren, was deine Träume zu bedeuten haben."
Mokoschs Augen wurden groß.
"Was weißt du von meinen Träumen?"
Lis verkniff sich ein Lächeln. Offensichtlich hatte sie ihren Finger auf die richtige Wunde gelegt. Im Stillen dankte sie Tona für ihre Gesprächigkeit.
"Ich weiß, dass sie dir keine Ruhe lassen", sagte Lis ernst und holte die Hand voll Eidechsenknochen aus dem Lederbeutel. "Ich kann dir helfen sie zu verstehen. Ich habe das siebte Gesicht und lese aus den Knochen der Eidechse."
Mokosch starrte auf den winzigen Schädel, der in Lis' Hand verloren und dennoch bedrohlich wirkte. Lis beugte sich noch weiter vor. "Selbst Zlata kennt meine Kunst."
Mokosch zuckte zusammen, dann straffte sich ihre Gestalt, plötzlich sah sie würdevoll aus, ganz Herrscherin.
"Lasst sie mitgehen", befahl sie ihren Wächtern. "Ich will hören, was die Eidechse mir zu sagen hat."
Der Wächter, der Lis zurückgehalten hatte, trat widerwillig zur Seite und warf Mokosch einen bedrohlichen Blick zu, den sie betont ignorierte.

*

Im Vergleich zum Priesterhaus war der Palast eine Schatzkammer. Lis blieb der Mund offen stehen, als sie in den reich geschmückten Innenhof trat. In den Boden war ein buntes Mosaik aus hellgrünen, türkisfarbenen und rötlichen Steinen eingelassen, das eine riesige Muräne im Kampf mit dem Feuergott Poskur zeigte. Wenn man etwas Fantasie hatte, konnte man darin auch die Umarmung zweier Liebender erkennen. Riesige Tongefäße standen an den Wänden, in kupfernen Prunkkesseln brodelten Fischsuppen. Vergoldete Tierschädel hingen über den hohen runden Torbögen. Schilde und Schmuckplatten reflektierten die ersten Sonnenstrahlen, die nach Tagen des Regens wieder durch die Wolken zu brechen begannen. Diener und Palastbewohner waren so prächtig gekleidet, dass Lis auf den ersten Blick nicht unterscheiden konnte, wer Diener und wer Gebieter war. Perlmuttkämme und Muscheln waren in die langen Haare der Frauen eingeflochten, Spiralarmringe in Muränenform blitzten an braun gebrannten, muskulösen Armen. Manche der Frauen hatten Goldstaub auf den Wangen, was ihnen ein überirdisches Strahlen verlieh, als wären sie zum Leben erwachte Statuen.
Mokosch ging mit schnellem Schritt über den Hof und betrat durch eine schmale Holztür einen Seitengang. Lis folgte Mokosch über eine lange Treppe aus verzierten Holzstiegen, dann standen sie schon in einem weitläufigen, luftigen Raum. Der Anblick raubte Lis den Atem.
Stoffe in den verschiedensten Rot- und Kupfertönen wehten im Mittagswind. Die Sonne war hervorgekommen. Durch das riesige gemauerte Fenster konnte man auf das glitzernde Meer sehen. Vermutlich war die Außenwand des Palastes sogar ein Teil der Stadtmauer. Von hier aus konnte die Fürstenfamilie mühelos den Golf von Venedig überblicken.
"Geht endlich", sagte Mokosch und wartete ungeduldig, bis sich die Wächter zurückgezogen hatten. Lis spürte mehr, als sie sah, wie die Fürstentochter neben sie ans Fenster trat.
"Wer bist du?", fragte Mokosch ohne sie anzusehen. "Warum weißt du etwas über meine Träume? Hat Zlata es dir erzählt?"
"Nein", sagte Lis. "Die Eidechse sprach zu mir, schon lange bevor mein Herr und ich in diese Stadt kamen. Sie sagte mir, dass in Antjana eine Frau lebt, die jede Nacht aufwacht, eine Frau, die ihr wahres Gesicht verbergen muss." Sie beugte sich zu Mokosch und senkte ihre Stimme. "Ich kann sehen, wie du unter dem Wahnsinn der Götter leidest."
"In meinen Träumen kocht das Meer", flüsterte Mokosch. "Brüllend steigt Nemeja aus den Fluten und wirft die Schiffe der Sarazenen an unsere Ufer."
Lis drehte sich um und blickte der Fürstentochter in die Augen. Was sie sah, waren Todesangst und eine seltsam dumpfe Ergebenheit. War es nur der Krieg, der ihr Angst einjagte?
"Nimm mir diese Träume", bat Mokosch. "Wenn du eine Seherin bist, wie du behauptest, dann rufe meine Träume und nimm sie mit dir."
Um Zeit zu gewinnen holte Lis ihre Eidechsenknochen hervor und ging in die Mitte des Zimmers. Dort setzte sie sich, nahm ein Räucherholz, das sie bei Zlata geholt hatte, und entzündete es an einer Opferflamme, die auf dem Altar in der Mitte des Zimmers brannte. Weiße, duftende Rauchschlieren begannen durch das Zimmer zu tanzen.
"Setz dich zu mir, Mokosch", sagte sie leise. Die Fürstentochter kam zögernd zu ihr und ließ sich auf die Knie sinken. Gebannt sah sie zu, wie Lis die Eidechsenknochen mit einem geschickten Schwung in die Luft warf. Klappernd kamen sie auf dem Steinboden auf. Der Schädel wackelte und blieb dann liegen. Lis runzelte die Stirn und betrachtete die Knochen genau. Fieberhaft überlegte sie, wie sie Mokosch unauffällig ausfragen konnte.
"Im Traum siehst du Rache und Blut", begann sie zögernd. "Niam erscheint dir. Und ich sehe, dass der Priesterturm in deinen Gedanken ist." Mokosch errötete leicht und starrte weiter gebannt auf die Knochen. Lis stupste eine winzige Rippe an und runzelte wieder die Stirn. "Ich sehe auch Nemeja. Auf ihrem breiten Rücken trägt sie ein Kind, ein kleines Mädchen ..."
"Meine Schwester, die Desetnica", flüsterte Mokosch.
"Du siehst sie im Traum."
Mokosch nickte so heftig, dass ihr Goldschmuck klingelte wie Glöckchen in einer Kirche. "Sie sucht mich. Jede Nacht sucht sie mich. Ihr ist großes Unrecht angetan worden. Sie ist mein Schicksal. Ich kann ihr nur das Tor öffnen."
"Sagt sie dir, dass sie dich töten will?"
Mokosch verneinte mit einer Geste.
"Aber sie sagt auch nicht, dass sie mich schonen wird. Dennoch bin ich an sie gebunden, mehr als ich an mein Volk, meine Geschwister oder an meine Stadt gebunden bin." Ihr Blick loderte und ließ sie wie eine Verrückte aussehen. "Das ist dieser Wahnsinn, der mich nicht schlafen lässt: Dass ich mir wünsche, sie würde wiederkommen, obwohl es mein Todesurteil ist."
Lis schluckte. Ein Bild formte sich in ihren Gedanken, eine Landkarte der Intrigen, der Machtspiele und Vernetzungen. Und der breiteste Weg führte direkt in das Priesterhaus. Behutsam legte sie eine Hand auf Mokoschs Arm, um die Fürstentochter zu beruhigen.
In diesem Moment geschah etwas Seltsames, etwas so Unvermutetes, dass Lis vergaß zu atmen. Sie glaubte zu trudeln und das Gleichgewicht zu verlieren. Reflexartig griff sie fester zu. Ihre Fingernägel gruben sich in Mokoschs Unterarm. Das Zimmer verwandelte sich in einen Strudel aus Farben, die vor ihren Augen erblühten, vergingen und zu Asche zerfielen. Ein Eidechsenskelett huschte über den Steinboden. Mit einem Mal erstanden vor ihren Augen die Schreckensbilder, die Mokosch in der Nacht sah. Ein waberndes, schwarzes Heer zog über das hügelige Küstenland, Pferdehufe stampften auf dem Boden. Krummsäbel wurden über schartige Wetzsteine gezogen. Gegen einen blutigen Himmel hoben sich die Silhouetten der Reiter ab. Ihr Anführer war zierlich und trug ein langes Gewand. Das Gesicht war verhüllt von einem Eisentuch, das Mund und Nase verbarg. Lis erkannte nur die Augen. Es waren Mokoschs Augen, auch wenn die Farbe anders war. Ein transparentes Hellgrau ließ sie raubtierhaft und seelenlos aussehen. Lis begann zu zittern, als die Gestalt ihr den Kopf zuwandte und ihr direkt ins Gesicht blickte. Das Pferd blieb ruckartig stehen. Ein kehliger Kampfgesang erhob sich im Hintergrund und wurde lauter und lauter, bis der Rhythmus mit Lis' Herzschlag verschmolz. Die zierliche Kriegergestalt blieb ruhig, starrte unverwandt in das Palastzimmer und machte keine Anstalten, zum Schwert zu greifen.
"Die Desetnica wird dich nicht töten", sagte Lis und ließ Mokoschs Arm los. Sofort huschten die Bilder davon und ließen sie benommen und müde auf dem Steinboden zurück. "Sie will mit dir sprechen. Ja, ihr ist großes Unrecht angetan worden, aber sie wird nicht zurückkehren, um die Stadt zu vernichten."
In Mokoschs Augen glänzte Hoffnung auf.
"Sie hasst mich nicht?", fragte sie. "Und die Träume von blutigem Meerwasser und furchtbaren Kriegerfratzen, die Messer, das Feuer der Rache ... was ist?"
Lis presste sich die Hände vor die Augen. Neue Bilder stürmten auf sie ein, umspülten sie und drohten sie hinwegzureißen. Gesichter und Ereignisse wirbelten an ihr vorbei. Ein Bild blieb zitternd vor ihr stehen, bevor es in tausend Tropfen zersprang: Mokosch stand dort mit aufgerissenen Augen, geduckt unter einer riesigen Axt mit runder Schneide, die direkt über ihrem Kopf schwebte. Lis konnte die Gewissheit des Todes in ihren Augen lesen. Das Letzte, was sie erkannte, bevor das Bild zerstob, waren die Hände, die die Axt hielten - es waren schmale, mädchenhafte Hände wie die von Mokosch.
"Was ist?", flüsterte Mokosch. "Siehst du, dass ich sterben muss? Siehst du das? O bitte, Lisanja, sag es mir!"

c) Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2005



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