Nina Blazon - Buchautorin - Im Bann des Fluchträgers

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Rubrik Fantasy, Historie, Krimi, Kinderbuch


Statue "Es gibt Augenblicke im Leben, die lassen das Herz stillstehen und das Blut kalt werden. Heute weiß ich, es ist der Kuss des Todes, der uns in jenen Sekunden streift und uns alle Wärme nimmt. Das fremde Gesicht, in das ich damals blickte, war von der eisigen Schönheit des Todes und von der Hässlichkeit eines Leidens, tiefer und schmerzhafter, als ein Lebender es ertragen könnte. Ich sah erloschene Augen und totenfahle Haut. Ich sah schwarze Zähne. Und Lippen, die kaum mehr vorhanden waren. Ich roch Taubenfedern und Regen und sah, wie die Gestalt nach meiner ausgestreckten Hand griff."




Noch ein Vampirroman?
Ja und nein. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich bei Ravensburger einen Vertrag für einen historischen Roman (es ist also kein Fantasyroman!) mit dem Arbeitstitel "Historischer Vampir" unterschrieben hatte. Das Thema beschäftigte mich allerdings schon eine ganze Weile länger. Nicht der klassische Dracula und auch keine moderne Version des unwiderstehlichen Verführers, sondern das Urbild des (südosteuropäischen) Vampirs. Steigt diese Urgestalt aus dem Grab, hat man es mit einem gewalttätigen Kerl zu tun, der fast an einen Zombie erinnert: Er bringt das Vieh um, beschädigt die Häuser, verdirbt die Ernte und würgt und drückt die Leute, bis sie sterben. Mit dem erotisch-schönen Gentleman-Vampir hat diese Gestalt nichts gemeinsam. Und dennoch hätte es ohne sie Dracula, Carmilla, Cullen & Co. nicht gegeben! Aber von Anfang an:

Es war einmal im Jahr 1731:
An der Militärgrenze zwischen osmanischem Reich und Habsburg (heute serbisches Gebiet) kam es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu seltsamen Vorfällen. Menschen starben unter unerklärlichen Umständen, z.B. 1731 in einem Dorf am Fluss Morava. Die Dorfbewohner waren davon überzeugt, dass ein kürzlich Verstorbener als Vampir sein Unwesen treibe und baten den österreichischen Kommandanten um die Erlaubnis, den Vampir vernichten zu dürfen. Die Exhumierung erbrachte keine eindeutigen Ergebnisse, also reiste im Januar 1732 eine österreichische Delegation aus Belgrad/Beograd an. ärzte und Offiziere untersuchten den Körper des Hauptverdächtigen und auch die nach ihm Verstorbenen. Die Körper zeigten keine deutlichen Zeichen der Verwesung (verschrumpelte Nasen gelten nicht) und wirkten aufgebläht, was im Bericht als ungewöhnliche Tatsache vermerkt wurde. Die Vernichtung (Pfählen, Köpfen, Verbrennen) wurde schließlich nach einigem Hin und Her von österreichischer Seite genehmigt und man verfasste einen genauen medizinischen Bericht über die "suspecten Leichen im Vamyprstande". Dieser Bericht des Feldschers Flückinger erweckte großes Interesse bis hin zur wahren Vampirhysterie und zog in Europa eine ganze Welle von Interpretationen und Analysen nach sich, darunter auch Michael Ranfts "Traktat von dem Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern" von 1734. Von diesen "Vampirberichten" ließen sich auch John Polidori und Bram Stoker inspirieren und schufen "ihre" Form des Vampirs. Ohne diese Berichte hätte es also die literarische Kunstfigur, die wir heute mit dem Begriff "Vampir" verbinden, nicht gegeben. Mein Roman "Totenbraut" spielt in dem Dorf Medveda (allerdings liegt das historische Medveda nicht exakt am selben Platz wie das gleichnamige Dorf an der Resava, das man heute auf der Landkarte finden kann.) Bei der Handlung habe ich mich an den Vorfällen in Pomoravlje im Winter 1731 und Flückingers Untersuchungsbericht orientiert, habe jedoch weniger (!) Leute sterben lassen und die Vorgänge der Romanhandlung angepasst. So findet die Untersuchung z.B. schon im Oktober statt.

Vampir = Außenseiter?
Doch zurück zum Vampir des Volksglaubens. Er ist also kein verführerischer, geheimnisvoller Schöner, sondern ein randalierender Toter, der das gesamte Dorf, in dem er früher gelebt hat, hemmungslos terrorisiert. Manchmal können die Einwohner nur noch ihr nacktes Leben retten, indem sie das Dorf geschlossen verlassen. Nicht umsonst lautet ein Sprichwort: "Ein Vampir verdirbt ein ganzes Dorf". Aber wer wird überhaupt zum Vampir? Die Antwort ist einfach: Gefährdet ist jeder - ob lebendig oder tot. Einige sind sogar schon von Geburt an für ein Dasein als Vampir bestimmt: In manchen Gegenden traf dieses Schicksal Leute mit blauen Augen oder roten Haaren. Manchmal waren es Leute, die an bestimmten Tagen geboren (oder gezeugt) wurden. Auf betrügerische Wirte, Atheisten und Andersgläubige wartete in damaliger Zeit ebenfalls ein Dasein als Untoter. Und oft genug wurden auch Kranke verdächtigt, die auffällig aussahen oder sich seltsam verhielten. Man merkt es schon: Oft genug können die Begriffe "Vampir" und "Außenseiter" als Synonyme gebraucht werden.

Der "lebende" und der "tote" Vampir
Oft genug war der Vampir auch einfach nur der "Fremde". Wenn ein Hagelsturm die Felder verwüstete, konnte es gut sein, dass ein Durchreisender kurzerhand als schädigender Vampir identifiziert und verurteilt wurde (im Volksglauben ist der Vampir auch bei Tageslicht unterwegs). Da half eine Hinrichtung am Galgen mit anschließender Pfählung plus Köpfen. Aber auch der altvertraute Nachbar konnte als "lebender Vampir" sein Unwesen treiben und dem Dorf Schaden zufügen. Vampire (sowohl tote als auch lebende) konnten auch unerkannt unter Menschen leben und Kinder zeugen. Solche "Halbvampire" wurden mancherorts "Dhampire" genannt und hoch geachtet, da sie Vampire sehen und aufspüren konnten - sogar die unsichtbaren (ja, die gab es auch). Aber auch bereits Verstorbene waren vor einer Wiederkehr nicht sicher. Wenn bei der Beerdigung nicht alle Beerdigungsriten penibel genau eingehalten wurden, bedeutete das, dass der Tote wiederkehren konnte, um seiner Familie und dem Dorf zu schaden. Womit sich schon eine weitere spannende Frage stellt:

Saugt er Blut oder nicht?
Auch wenn mich viele Vampirfans jetzt vermutlich gleich pfählen wollen: Nein, der südosteuropäische Vampir des Volksglaubens saugt gemeinhin kein Blut. Er drückt und würgt seine Opfer zu Tode. Das Blut, das bei einem exhumierten Vampir im Mund gefunden wird, ist lediglich die symbolische Manifestation der Lebenskraft seines Opfers. Es gibt in diesem Zusammenhang zum Beispiel auch die "Kornvampire", die einem Getreidefeld alle Kraft entziehen und damit die Ernte verderben. Diesen "Kornvampir" erkennt man daran, dass er den Mund nicht voll Blut, sondern voll Mehl hat, wenn man ihn im Grab findet. In allen Details kann man das Phänomen "Vampire, die kein Blut saugen" in der Abhandlung des Historikers und Balkanologen Dr. Peter Mario Kreuter "Der Vampirglaube in Südosteuropa" nachlesen - meiner Ansicht nach das fundierteste und beste Sachbuch zum Thema! Noch logischer erscheint einem die Tatsache, dass ein Vampir zwar tötet, schwächt und verdirbt, aber keine blutleeren Leichen zurücklässt, wenn man einfach mal in die Erzählungen des Volksglaubens eintaucht und sich die dort dargestellten Vampire anschaut. Ein echtes Aha-Erlebnis beim Lesen: In den kroatischen und serbischen Volkserzählungen habe ich zwar Vampire gefunden, aber keinen einzigen, der Blut saugte. Einige haben die Lebern und Herzen ihrer Opfer gekocht und gefressen, aber bei näherer Betrachtung handelte es sich bei ihnen um Hexen und nicht um Vampire - diese Begriffe werden im Volksglauben nämlich auch häufig vermischt.

Hexe, Vampir oder Werwolf?
Gerade Hexen und Zauberer werden manchmal mit Vampiren in einen Topf geworfen, in einigen Gegenden sind die Grenzen auch fließend. Ein kleiner Blick auf diese Gestalten des Volksglaubens lohnt sich also: Hexen (im Albanischen auch als "Striga" bezeichnet) verwandeln sich gerne in Nachtfalter. Böse Hexen fressen den Opfern das Herz im Schlaf heraus. Das Opfer lebt weiter, so lange die Hexe es will. Sie stiften Unfrieden und bringen den Tieren Krankheiten. Gute Hexen gab es natürlich auch - die "Dorfhexe" wurde in manchen Gegenden als zweite Instanz neben dem Dorfpopen um Rat gefragt. Eine Hexenverfolgung wie in den katholischen Gebieten gab es im orthodoxen Glaubensraum nicht. Zwar wurden auch hier Frauen immer mal wieder der schwarzen Magie beschuldigt und auch getötet, aber eine Massenhysterie wurde nicht daraus. Vielleicht war die Vampirjagd da einfach die Alternative? Noch häufiger als Hexe und Vampir gehen Vampir und Werwolf Hand in Hand. Im Serbischen zum Beispiel bezeichnet das Wort "Vukodlak" (Werwolf) auch den Vampir. Wer im Leben ein Werwolf war, wird, so glaubten die Leute im 18. Jahrhundert, nach dem Tod zum Vampir. Ein Vampir kann aber auch zur Tarnung in der Gestalt eines Werwolfs auftreten. Ziemlich verwirrend, nicht wahr? Und deshalb umso spannender. In "Totenbraut" habe ich versucht, einen Eindruck von diesem unglaublich vielfältigen Spektrum zu vermitteln: Deshalb schreiben z.B. die Dorfbewohner die "vampirischen Eigenschaften" der "Hexe" Marja zu.

Die blutsaugende Mora
Aber es geht noch weiter: Hexen wiederum können eine Verbindung zu einer weiteren Schauergestalt des Volksglaubens haben: Der "Mora"! Sie saugt Blut, aber mit dem Vampir hat sie rein gar nichts zu tun. Die Mora ist keine wandelnde Tote, sondern lediglich der Schatten einer Toten oder sogar ein lebender Mensch. Manchmal ist ein Mädchen schon von Geburt an dazu bestimmt, bereits zu Lebzeiten eine Mora zu sein. Und das geht so: Wenn das Mädchen sich schlafen legt, fällt ihr menschlicher Körper in einen totenähnlichen Schlaf. Ihr Geist (oder ihre Seele) verlässt den Körper und sucht ihr Opfer als schattenhafter Nachtalb heim. Sie setzt oder legt sich auf den Ahnungslosen, drückt und würgt ihn. Und - ja - manchmal saugt sie ihm auch das Blut aus. (Der Heimgesuchte wird dadurch aber nicht selbst zur Mora!). Die Mora kann die Gestalt von dämonischen Tieren annehmen (Schlange z.B.). Will man sich schützen, sollte man Knoblauch verwenden oder ein Messer unter dem Kopfkissen verstecken, auch Kreidekreuze an den Türen können hilfreich sein. Und nun der Dreh zur Hexe: Eine Mora, die heiratet, wird dadurch zur Hexe. Alles klar?

Asche zu Asche ...
Noch einmal ein genauerer Blick auf den "Volksvampir": Selbst der bereits tote Mensch und sogar der Begrabene kann noch zum Vampir werden. Zum Beispiel dann, wenn bei der Trauerfeier und bei der Beerdigung geschlampt wird. Es gab eine Vielzahl von Beerdigungsriten, die verhindern sollten, dass der Verstorbene wiederkehrte. Einige Beispiele: Der Verstorbene musste bis zur Beerdigung bewacht werden, damit kein Tier (Katze, Hund, Fliege) über den Leichnam springt, fliegt oder unter der Bahre hindurchkriecht oder -krabbelt. Das hätte den Toten zu einem Dasein als Vampir verdammt. Der Mund wurde mit Knoblauch verschlossen, Grabbeigaben sollten ihn versöhnlich stimmen und ihm das Grab gemütlich machen. Gerade im ehemaligen türkischen Hochheitsgebiet hatten sich in den orthodoxen Glaubensenklaven archaisch anmutende Elemente wie die Grabbeigaben erhalten: Kindern gab man Spielzeug mit, jungen Mädchen Spiegel, Wöchnerinnen eine Lehmfigur (damit sie ihr noch lebendes Kind nicht vermisste und holte?). "Abwehrbeigaben" gab es auch. Da man annahm, dass Vampire einen Zähltick haben (siehe Graf Zahl in der Sesamstraße!), wurden die Toten zum Beispiel mit Fischernetzen bedeckt. Bevor er sich aus dem Sarg erheben konnte, musste der Vampir erst alle Knoten zählen - und das konnte dauern. Auch verstreute Mohnsamen (Hirsesamen, Rübensamen etc.) erfüllten den Zweck, den Vampir mit seinem Zählzwang an Ort und Stelle zu bannen.

Was, wenn er dennoch wiederkommt?
Dann war das ganze Dorf gefragt. Ein Vampir bedrohte nicht den Einzelnen, sondern die ganze Gemeinschaft, also waren Abwehrmaßnahmen nur dann nützlich, wenn das Dorf dem übel geschlossen entgegentrat. Um Haus und Hof zu schützen, malten alle Dorfbewohner große Pechkreuze auf die Eingangstore. Türen, Schlüssellöcher und öffnungen wurden mit Knoblauch eingerieben. Schwarzen Hofhunden wurde ein weißes zweites Augenpaar auf die Stirn gemalt, das Vampire abschreckt. Aber natürlich musste der Vampir so schnell wie möglich aufgespürt und unschädlich gemacht werden. Dafür konnte man Asche um die verdächtigen Gräber streuen und nach Fußspuren Ausschau halten. Oder man ließ geistersichtige Tiere auf dem Friedhof suchen: Einen schwarzen Hahn oder (bei den Bulgaren und Serben) ein fleckenloses, männliches Fohlen, das über die Gräber geführt wurde. Weigerte es sich weiterzugehen, stolperte es oder scheute, wusste man, dass in diesem Grab der Vampir lag. Bei der Vernichtung unterscheidet sich der Urvampir dann nicht von seinem literarischen Bruder, Graf Dracula: Pfählen, Köpfen. Und am besten noch verbrennen.

Special: "Vampyrus Serviensis" per Mail
Es gäbe noch so viel mehr über die Hintergründe und die Recherche zum Roman zu erzählen - von Zaubertränken und "Blutzähnen", von Totenbräuten und Bleiwasser. Aber das würde leider schon viel zu viele Geheimnisse lüften, die der Leser lieber beim Schmökern des Romans selbst entdecken sollte. Aber: Wer das Buch schon gelesen hat und mehr wissen möchte, kann bei mir die Hintergründe erfahren. So geht es: Einfach eine Mail mit dem Betreff "Vampyrus Serviensis" an die Adresse: info-totenbraut@ninablazon.de schicken. Dann landen die weiterführenden Infos im Postfach. Aber ich warne noch mal: Der Text enthält Spoiler! Leute, die das Buch erst noch lesen wollen, sollten sich den Blick in diese Infos wirklich bis nach dem Lesen verkneifen! Wer ganz tief ins Thema einsteigen will, dem lege ich noch einmal Dr. Peter Mario Kreuters Buch: "Der Vampirglaube in Südosteuropa" ans Herz.




Weitere Ausgaben:

Totenbraut 484 Seiten, Taschenbuch, 5.00 Euro (D)
ISBN: 978-3473543915, Verlag: Ravensburger
Erschienen 2012



Totenbraut 448 Seiten, Taschenbuch, 8.99 Euro (D)
ISBN: 978-3473583935, Verlag: Ravensburger
Erschienen 2012



Totenbraut 384 Seiten, Hardcover, 16.95 Euro (D)
ISBN: 3-4733-53043, Verlag: Ravensburger
Erschienen 2009





















Quadrat News 08.05.17

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