Nina Blazon - Buchautorin - Im Bann des Fluchträgers

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Rubrik Fantasy, Historie, Krimi, Kinderbuch


Saugues "Holz traf mit einem dumpfen Laut, glitt ab und splitterte zwischen Zähnen. Der Geruch nach wildem Tier stach ihr in die Nase. Fangzähne blitzten auf, viel zu nahe an ihrem Hals - und schnappten genau in dem Augenblick zu, als sie den Arm hochriss und sich zur Seite warf. Die Fänge gruben sich mit in ihren Arm. Ein greller Schmerz durchzuckte sie. Mit aller Kraft schlug sie mit der Faust und traf. Der Biss lockerte sich, das Untier ließ los und wich zurück. Und während sie sich verzweifelt wand und auf die Knie hochrappelte, erkannte sie mit absoluter Sicherheit, dass es kein Wolf war, kein Wolf sein konnte."




"Si t'es pas sage, la Bete va venir te manger!"
"Wenn du nicht brav bist, kommt die Bestie und frisst dich!"
Viele Bewohner der Auvergne in Südfrankreich haben diesen Spruch in ihrer Kindheit gehört. Die geheimnisvolle "Bestie", um die es hier geht, hat hierzulande durch den Film "Pakt der Wölfe" Bekanntheit erlangt, der sich zum Teil an den historischen Eckdaten orientiert, aber auch Fantasy-Elemente verarbeitet.
Dass der Geschichte ein ganz konkreter Kriminalfall aus dem 18. Jahrhundert zugrunde liegt, wissen dagegen nicht ganz so viele.
Tatsächlich ist die "Bestie vom Gévaudan" so etwas wie der französische Jack the Ripper: ein oder mehrere mysteriöse Mörder, der/die bis heute nicht überführt werden konnte/n. Wer oder was die Bestie wirklich war, ist ungeklärt (obwohl eine These sehr nahe liegt), und vielleicht spukt das Untier genau deshalb seit bald 250 Jahren durch das Gedächtnis der Franzosen. Auf meiner Recherchereise zu den Tatorten hat es mich überrascht, wie präsent die Bestiengeschichte noch heute in der Region Auvergne ist. Andererseits ist es kein Wunder, schließlich ist die Bestie bei vielen Menschen auch Teil der Familiengeschichte, unter den Vorfahren gab es schließlich so einige Opfer.

Was damals geschah
Zwischen 1765 und 1767 findet in Südfrankreich (auf dem Gebiet der heutigen Auvergne und des Gévaudan, unter anderem rund um das Städtchen Saugues) eine Mordserie statt. Über 100 Todesopfer sind dokumentiert, überwiegend Kinder und Frauen, viele von ihnen werden enthauptet aufgefunden. Die Zeugen sprechen ausnahmslos von einem Tier, das einem Wolf ähnelt, aber keiner ist.

Jäger und Gejagte
Bald schon mobilisiert sich der Adel von Vivarais und Gévaudan, um das Untier zur Strecke zu bringen, allen voran der junge Graf d'Apcher und auch die Grafenfamilie de Morangiès. Etienne Lafont, Syndicus der Diözese von Mende, verpflichtet Freiwillige und organisiert Jagden, auch eine Dragonereinheit wird unter dem Befehl von Capitaine Duhamel auf die Bestie angesetzt. Tote werden an den Tatorten liegen gelassen in der Hoffnung, dass die Bestie zu ihren Opfern zurückkehrt. Fallen werden aufgestellt, vergiftete Köder ausgelegt. Ohne Erfolg. Es werden zwar viele Wölfe zur Strecke gebracht, aber das Morden geht weiter. Aus dieser Zeit stammt Capitaine Duhamels Beschreibung des Monsters (nach dem Hörensagen verfasst):
"Dieses Tier hat die Größe eines Kalbes. Es hat Pfoten, die genauso kräftig sind wie die eines Bären, und deutlich abgesetzte Krallen, je einen Finger lang. Sein Maul ist außergewöhnlich groß, die Brust ist lang wie die eines Leoparden (...) Ich denke, Sie werden sich meiner Meinung anschließen, wenn ich Ihnen sage, dass dieses Tier ein Monster ist, dessen Vater ein Löwe ist. Fragt sich nur, was die Mutter ist."
Inzwischen ist die Mordserie auch in Versailles und Paris Thema. Zeitungen berichten über das Untier. König Ludwig XV. schickt zwei Wolfsjäger aus der Normandie ins Gévaudan. Vater und Sohn d'Enneval. Aber auch mit ihnen spielt das Biest Verstecken.
Langsam entwickelt sich das Untier zu einem echten Monster - einer politischen Affäre. Der Fall geht durch die ausländische Presse. Im London Magazine erscheint eine Glosse: Ein Wolf hätte, so steht dort lesen, ohne mit der Wimper zu zucken eine französische Armee von hundertzwanzigtausend Mann und dann noch ein Artelleriecorps verschluckt. Das Ausland spottet über Frankreich.
Ludwig XV schickt weitere Jäger ins Gévaudan: Francois-Antoine de Beauterne, genannt Monsieur Antoine, und seinen Sohn. Begleitet werden sie von mehreren Prinzen von Geblüt, Hundeführern, guten Jagdhunden.
Monsieur Antoine ist davon überzeugt, dass es nur Wölfe sein können. Er führt mehrere große Jagden durch und erlegt schließlich einen großen Wolf, der ausgestopft und am Hof von Versailles als Bestie präsentiert wird. Die Morde hören scheinbar auf, zumindest ist einige Wochen Ruhe. Die Akte "Wolf vom Gévaudan" wird geschlossen.
Als das Morden plötzlich wieder weitergeht, liest man in Paris nichts davon in den Gazetten. Die Zensur greift. Die Leute im Gévaudan sind auf sich allein gestellt.

Das Ende des Schreckens
Am 19. Juli 1767, nach Monaten, in denen die Bestie grausamer denn je wütete und die ganze Provinz in Angst und Schrecken versetzt, erlegt ein Gastwirt namens Jean Chastel ein Tier, das anhand der Zahnformel und der anatomischen Daten als Mischling zwischen Wolf und Hund eingestuft werden kann. Mit dem Tod dieses Tieres hörte die Mordserie auf. Soweit zu den Fakten, aber ob das Tier wirklich die Bestie war oder ob ein Tier in der Lage wäre, so viele Menschen zu töten und viele von ihnen - sehr untypisch - auch noch zu enthaupten, wird bis heute angezweifelt. Moderne Bestienjäger wie Jean Richard, der Journalist Jean-Claude Bourret, Eric Mazel und Bernard Soulier suchen in den Archiven von Puy, Mende und Montpellier, um herauszufinden, was sich damals tatsächlich abgespielt hat. Und vor allem: Welches Tier (bzw. welche Tiere?) damals von den Augenzeugen beschrieben worden war.

Hyäne, Affe, Löwe, Bär
Manche glauben bis heute, es könnte ein Löwe gewesen sein (diese Version wurde auch filmisch verarbeitet), ein Bär, eine Hyäne vielleicht, die aus einer Ménagerie entwischt ist. Oder vielleicht eine völlig unbekannte Tierart. Die Kryptozoologie-Fraktion vermutet, es könnte eine längst ausgestorbene Wolfsart im Spiel sein. Die Beschreibungen des Ungeheuers bieten jedenfalls eine bunte Menagerie voller Möglichkeiten. Augenzeugen sahen ein Tier mit rötlichem Fell und einem weißen Fleck auf der Brust. Riesige Pfoten mit fingerlangen Krallen, eine lange Rute, die in ständiger Bewegung war wie ein Katzenschwanz, mit weißem Fell an der Spitze. Erzählt wird auch oft von schwarzen Streifen, Flecken, spitzen Ohren. Einige berichten sogar davon, das Ungeheuer hätte Holzschuhe an den Hinterbeinen getragen, Feuer gespuckt oder sogar gesprochen. Kugeln prallten angeblich an der Bestie ab. Sie tauchte am selben Tag an verschiedenen, weit voneinander entfernten Orten auf wie herbeigezaubert und verschwand wieder wie vom Erdboden verschluckt. Jedenfalls muss es ein Tier mit unglaublicher Intelligenz gewesen sein, es mied jeden Giftköder und wusste meist, wo die nächste Jagd stattfinden würde und wo es unbeobachtet zuschlagen konnte. Es handelte so clever, dass manche auch eine ganz andere Theorie verfolgen:

Könnten Menschen dahinterstecken?
Ja!, sagt der Forscher André Aubazac. Er ist der Meinung, dass es sogar nur Menschen gewesen sein können, Soldaten vielleicht, die aus dem siebenjährigen Krieg entlassen waren und nun durch die Provinzen zogen: "Ich habe einen Schlachter befragt. Die geköpften Opfer können nicht einer Bestie zugeschrieben werden: Um einen Kopf abzuschneiden, braucht es Kraft, Intelligenz ... und ein Werkzeug."
Marie-Hélène Soubiran tippt auf eine Kombination von Faktoren und Tätern: ein Tier, ein oder mehrere Mörder und vertuschte Kindsmorde. Oft findet man auch die Angabe, Antoine Chastel, der neunzehnjährige Sohn des Bestientöters, sei der Mörder gewesen. Er hätte im siebenjährigen Krieg gekämpft, sei nach Afrika gereist und für die Menagerie, den Zoo eines Adeligen zuständig gewesen. Das ist allerdings die Erfindung eines Schriftstellers, die sich später als Tatsache auf diversen Plattformen und auch in manchen Fachbüchern tummelt. (Zu den Fiktionen gehört übrigens auch die Theorie, dass die Bestie auf das Konto einer Verschwörung konservativer Adeliger und/oder der Kirche geht. Dafür gibt es keine Belege - zumindest bisher).

Ein französischer Jack the Ripper?
Wenn Menschen im Spiel waren - wer könnte es gewesen sein? Soldaten? Ein oder mehrere Adelige? Engländer, die das französische Königshaus lächerlich machen wollten? Oder vielleicht ein Serienmörder, der damals aus dem Nichts auftauchte (einwanderte?) und ebenso schnell wieder verschwand, indem er in ein anderes Land weiterzog, als die Sache zu brenzlig wurde?
Die gezielte Opferauswahl (Kinder, Frauen) und auch die Tatsache, dass viele der Opfer enthauptet wurden (auf die anderen unschönen Details der Taten gehe ich hier nicht ein, es ist ja eine Kinder- und Jugendbuchseite) sprechen dafür. Forscher wie Dr. Utz Anhalt sehen darin ganz klar die Handschrift eines Serienmörders - also doch eine Art Jack the Ripper?
Um diese These näher zu beleuchten, habe ich mich für diesen Roman mit dem Kriminalisten und bekanntesten Serienmörder-Spezialisten Deutschlands zusammengesetzt: Stephan Harbort. Aus seiner Feder stammen Werke wie Begegnung mit dem Serienmörder (ausführliche Infos auf www.der-serienmoerder.de). Mit dem sachlichen Blick des Profilers hat er die Berichte von damals im Spiegel der Theorien von heute kriminalistisch analysiert und (soweit es bei den wenigen verbürgten Fakten möglich war) interpretiert.

Oder doch "nur" Wölfe?
Andererseits, tja, ist da immer noch die Tatsache, dass alle Augenzeugen ausnahmslos von einem Tier sprechen. Also doch Wölfe? Die Wolfspopulation war in damaliger Zeit sehr dicht. Forscher wie der Historiker Jean-Marc Moriceau sind der Meinung, dass es sich tatsächlich um Angriffe mehrerer Wölfe gehandelt hat. Denn so selten Wolfsangriffe auf Menschen auch sind - es gab und gibt sie, allerdings nur, wenn bestimmte Umstände gegeben sind. Denn Menschen gehören überhaupt nicht in das Beuteschema von Wölfen und das blutrünstige Wolfsrudel, das nachts auf verschneiter Strecke im Wald eine Kutsche überfällt, gehört in das Reich der Gruselmärchen.
Auch für das Abklopfen der Wolf-These stand mir eine Spezialistin zu Seite: Elli Radinger (www.elli-radinger.de). Sie arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren mit Wölfen, beobachtet ihr Sozial- und Jagdverhalten unter anderem im Yellowstone-Nationalpark und hat diverse Fachbücher zum Thema Wolf verfasst. In einem davon, "Wolfsangriffe", beschäftigt sie sich eingehend mit der Frage, ob und wann Wölfe und Menschen überhaupt miteinander ins Gehege kommen können. Und sie hat sich darin auch ganz explizit mit der Bestie auseinandergesetzt. Ihr Wissen und auch der Linnell-Report (eine Studie über Wolfsangriffe) haben mir sehr weitergeholfen. Ein paar Aha-Erlebniss hatte ich auch beim Besuch des Wolfsparks im Gévaudan. Dort gibt es eine Ausstellung zur Bestie, aber auch zahlreiche Infos zur Dichte der Wolfspopulation im 18. Jahrhundert (die Homepage des Parks: www.loupsdugevaudan.com). Und auch die im Roman beschrieben Rituale des "Wolfszaubers" wurden in früheren Zeiten tatsächlich praktiziert, wie im Wolfspark zu lesen steht.

Ein Roman, eine Theorie?
Nicht ganz, denn es war mir sehr wichtig, vielen Überlegungen und Mutmaßungen ihren Raum zu geben. Mein junger Ermittler tastet sich ähnlich vor wie die Forscher, die sich seit Jahrzehnten mit dem Fall beschäftigen: Thomas Auvray spielt im Roman jede Möglichkeit durch, folgt jeder einzelnen Fährte und jeder Theorie und klopft sie auf Wahrscheinlichkeiten ab. So entsteht für den Leser ein "Panorama der Theorien" und auch ein kleines Panoptikum der Forschungsergebnisse von damals bis heute. Im Roman ging es mir nicht darum, den Fall von A bis Z zu rekonstruieren, sondern im Rahmen einer Ermittlergeschichte einige der Theorien näher zu beleuchten, die mir selbst am wahrscheinlichsten erschienen.

Thomas, der Ermittler mit dem Zeichenstift
Thomas Auvray ist keine historisch verbürgte Figur, aber jemanden wie ihn hätte es tatsächlich geben können: Der Naturforscher Jean-Louis Leclerc de Buffon hatte seine Assistenten und Zeichner für seine "Histoire Naturelle" - einen Monsieur Guillard zum Beispiel, und sogar eine Mademoiselle Coignet. So lag es nahe, aus solchen Vorlagen einen Assistenten wie Thomas Auvray zu schaffen. Für sein Ermittlungs- und Beobachtungstalent gibt es auch ein reales Vorbild: Profiler wie Stephan Harbort. Da Thomas im 18. Jahrhundert jedoch nicht die Möglichkeit hatte, auf Fotografien und moderne Ermittlungstechniken zurückzugreifen, musste ich ihm einen passenden Beruf geben, damit er Phantombilder und vor allem "Tatortfotos" zeichnen konnte. Es bot sich also an, ihn nicht nur zu de Buffons Assistent zu machen, ihm die Neugier an naturwissenschaftlichen Beobachtungen und das Interesse an aufklärerischen Ideen zu geben, sondern ihn auch zum Stipendiaten der königlichen Zeichenakademie zu machen (die es wirklich gab). So war es möglich, einige moderne Ermittlungsmethoden ins 18. Jahrhundert zu "übersetzen" - eine solide Basis für die Überführung der Bestie. Und wer oder was in "Wolfszeit" schließlich die Bestie ist, erfährt man dann im Roman.

Special: "Bestie" per Mail
Tja, ich könnte noch sehr viel mehr erzählen - über das Profiler-Gutachten von Stephan Harbort, über das Jagdverhalten von Wölfen, über Tatmuster und einzelne Angriffe der Bestie, über die Medien der damaligen Zeit und die Theorie eines Forschers, die ich als Grundlage für "meine" Bestie verwendet habe. Aber leider ginge das nicht ohne dicke Spoiler. Wer aber das Buch gelesen hat und noch ein bisschen mehr zu den Hintergründen erfahren will, bekommt sie gerne per Mail:
Einfach eine E-Mail mit dem Betreff "Bestie" an die Adresse info-bestie@ninablazon.de schicken. Dann landen die weiterführenden Infos umgehend im Postfach. Aber wer das Buch noch lesen will, sollte sich den Blick in diese Infos wirklich bis nach dem Lesen verkneifen.




Die gebundene Ausgabe (Hardcover):

Hardcover 576 Seiten, Hardcover, 17.99 Euro (D)
ISBN: 978-3473400706, Verlag: Ravensburger
Erschienen 2012























Quadrat News 31.10.17

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