Nina Blazon - Buchautorin - Im Bann des Fluchträgers

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Rubrik Fantasy, Historie, Krimi, Kinderbuch


"Ich brauche detaillierte Beschreibungen der Hexen und jeder ihrer Handlungen während der Prozesse", fuhr der Inquisitor fort. "Jedes Handzeichen, jede Bewegung, jeder Blick der Frauen muss beobachtet und beschrieben werden. Gremper protokolliert ihre Aussagen. Aber du, Beno Humpis, würdest mein drittes Auge sein." Beno schwieg und las, was auf einem Blatt stand, das direkt vor seine Füße geweht worden war: "Dämonen scheinen sich vor allem an Frauen und Mädchen zu heften, die schönes Haar haben. Diejenigen, die feuerfarbenes Haar haben, sind besonders verdächtig. Sie legen es ganz bewusst darauf an, die Männer zu entflammen und zu verführen."



Der erste Funke: Vom "StadtLeben" zur Idee
Es ist schon einige Jahre her, da durfte ich im Auftrag der Stadt Ravensburg zusammen mit dem Journalisten Olaf Nägele einen Stadtbildband über Ravensburg schreiben. Das Ergebnis erschien im Jahr 2009: ein bunter Panorama-Band mit dem Titel StadtLeben Ravensburg.
Darin ging es unter anderem um Sport, Wirtschaft, Tourismus, selbstverständlich auch um das legendäre Rutenfest - aber auch um die ältere Stadtgeschichte. Und hier wurde es für mich besonders spannend. Denn Ravensburg war im Mittelalter eines der großen Zentren des internationalen Fernhandels. Hier wurde die Große Ravensburger Handelsgesellschaft gegründet, die in den Jahren 1380 bis 1530 zu den erfolgreichsten europäischen Großhandelsunternehmen gehörte. Und während ich über die Gesellschaft recherchierte, entstanden die ersten Ideen für einen historischen Jugendroman. Als ich auf den Spuren der Kaufleute und Händler vergangener Jahrhunderte durch die Stadt streifte, sah ich ein Mädchen vor mir, das zur damaligen Oberschicht gehört, eine reiche Oberstädterin aus der Familie Humpis.

Familie Humpis?
Die Humpis waren Kaufleute und ihr Name steht wie kein anderer für die Große Ravensburger Handelsgesellschaft, die sie mitbegründet hatten und viele Jahrzehnte lang leiteten. Die Kaufleute der Handelsgesellschaft betrieben internationalen Fernhandel, anfangs vor allem mit oberschwäbischer Leinwand und mit Barchent (das ist ein Mischgewebe aus Baumwolle und Leinwand). Im 15. Jahrhundert erweiterte sich das Portfolio um Luxus- und Gebrauchsgüter aus ganz Europa und dem Orient. In ihrer besten Zeit hatte die Gesellschaft 13 Niederlassungen (damals wurden sie "Gelieger" genannt) in West-, Süd- und Mitteleuropa. Auch in Spanien und Italien wurde über solche Gelieger Ware eingekauft und verkauft. Die Männer der Familie Humpis waren aber nicht nur als Kaufleute tätig, sondern hatten über Jahrzehnte auch wichtige Ämter im Rathaus inne und lenkten die Geschicke dieser Reichsstadt. Ein spannendes Umfeld für mein Mädchen also! Und je mehr ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass ich unbedingt eine zweite Hauptfigur brauchte. Einen jungen Mann nämlich, der ebenfalls zur reichen Patrizierschicht gehört und sich im Rathaus und unter den Würdenträgern und Entscheidern frei bewegen kann. So kam der Kaufmannssohn Beno Humpis dazu.

Handbuch der Hexenverfolgung
Aber noch eine weitere geschichtliche Besonderheit bot sich geradezu für einen Roman an: Der Beginn der Hexenverfolgung Ende des 15. Jahrhunderts. Im Jahr 1484 fanden in Ravensburg mehrere historisch verbürgte Hexenprozesse statt. Als Inquisitor befragte der Dominikaner Heinrich Kramer die beschuldigten Frauen im Ravensburger Rathaus. Heinrich Kramer war niemand anderes als Henricus Institoris, der berühmte Verfasser des "Hexenhammer - Malleus Maleficarum". Dieses Handbuch für die Hexenverfolgung wurde im Jahr 1486 erstmals gedruckt und gilt heute als eines der verhängnisvollsten Bücher der Geschichte. Etwa dreißig Auflagen erlebte er zwischen 1486 und 1669. Oft wird dieses Werk mit dem Beginn des Hexenwahns gleichgesetzt, der zehntausende von Menschen - größtenteils Frauen - das Leben kosten würde. Ganz korrekt ist es allerdings nicht, den Hexenhammer als Auslöser der Hexenverfolgung zu sehen, die gab es bereits vorher. Nun aber konnten die Befürworter der Hexenverfolgung erstmals auf ein umfangreiches Standardwerk zurückgreifen, das ihnen als Legitimation und Argumentationsbasis diente. Neu daran war auch Kramers explizite Ausrichtung auf die Frauen, wie schon der Titel "Hammer der Schadenszauberinnen" sagt.

Zwei Ravensburgerinnen
Zwei Beispielprozesse werden in dem Werk beschrieben. Dabei handelt es sich um die Fälle der Ravensburger Frauen, die im Jahr 1484 als Hexen auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurden: Anna Mindelheim und Agnes Bader. Diese beiden Frauen sind also leider keine erfundenen Romanfiguren. Zu damaliger Zeit hatten verheerende Hagel-Unwetter die Ernte auf Jahre vernichtet. Die vermeintlichen Hexen waren schnell als Schuldige überführt und mussten als "Sündenböcke" für Unerklärliches büßen, wurden für Missernten oder Epidemien verantwortlich gemacht. Leicht geriet eine Frau in den Verdacht, vor allem dann, wenn sie mittellos und alleinstehend war und nicht auf ein starkes familiäres und soziales Netz zurückgreifen konnte. Spannend fand ich auch die Mechanismen der Verfolgung, die Argumentationen des Inquisitors Heinrich Kramer. Alle Aussagen über die vermeintliche Verführbarkeit, Bösartigkeit und Verlogenheit der Frauen sind keine Sätze, die ich Kramer in den Mund gelegt habe, sie stehen im Hexenhammer. Dasselbe gilt für die Anweisungen, wie man Verdächtige behandeln soll. Jeder Schritt von der Verhaftung bis zum Verhör (mit geschorenem Haar) und den Foltermethoden wurde von Kramer genauestens festgelegt. Wer wirklich gute Nerven hat, kann im Hexenhammer Genaueres selbst nachlesen. Authentisch sind in "Feuerrot" auch die Erklärungen zu Dämonenzauber und Teufelsbuhlschaft. Und obwohl viele Kritiker zu damaliger Zeit die Existenz solcher Hexen als Aberglauben bezeichneten, darf man nicht vergessen, dass in der Vorstellung der Menschen im 15. Jahrhundert Teufel und Dämonen als ganz reale Gefahr existierten.

Ein Gast aus Genua
Eine weitere wichtige Figur im Roman ist ein junger Italiener aus Genua, der einige Monate bei der Familie Humpis zu Gast ist: Lucio Malaspani, der Sohn eines Geschäftspartners. Warum ausgerechnet Genua im Roman eine so wichtige Rolle spielt? Die Seerepublik mit ihrem Mittelmeerhafen war für die Handelsgesellschaft ein sehr wichtiger Stützpunkt. Eine der größten Niederlassungen befand sich in Genua. Ab 1440 lässt sich in Genua kaum ein deutscher Kaufmann nachweisen, der nicht der Ravensburger Handelsgesellschaft angehörte. Von dort aus belieferte die Gesellschaft die expandierende oberitalienische Wolltuchindustrie mit Merino-Wolle aus Kastilien. Dieser wertvolle Rohstoff wurde von den Humpis über Valencia, Tortosa und Peníscola ausgeführt. Ein weiteres Handelsgut waren luxuriöse genuesische Stoffe: Samt, Damast und Brokat. Der (feuerrote) Samt spielt in meinem Roman eine Rolle. Warum ich mich für eine italienische Figur entschieden habe, hat aber noch einen anderen Grund: Damals begann im Süden Europas bereits die Renaissance. Es war reizvoll, Lucio als Vertreter dieser noch frühen Strömung ins spätmittelalterliche Ravensburg zu schicken, wo er die Kreise der altehrwürdigen Bürger mit seiner lockeren, unkonventionellen Lebensart aufmischt. Und mancher Patriziertochter den Kopf verdreht

Ein Roman, viele Themen
Handelsgesellschaft & Hexenverfolgung, Arm & Reich, Spätmittelalter & Renaissance, Ravensburg & Genua. Am liebsten hätte ich mich bei dieser Themenvielfalt sofort hingesetzt und losgelegt. Aber fürs Erste verschwanden die Ideen und ersten Skizzen wieder in der Schublade. Denn erst einmal war ich mit der "Königsmalerin" beschäftigt, schrieb "Totenbraut" und schließlich "Wolfszeit". Aber wie es so ist mit Ideen: Einmal entzündet, glimmen sie geduldig vor sich hin und warten auf einen Lufthauch, um endlich aufzuflammen. Und voilà - magische sieben Jahre später darf ich nun meine Patriziertochter (sie heißt Elisabeth), Beno Humpis, den charismatischen Genueser Lucio, die Magd Maddalina und viele andere Figuren in ein gefährliches Abenteuer schicken.

Wer weiterlesen will
kommt natürlich an den Forschungen von Dr. Andreas Schmauder nicht vorbei. Er ist Historiker und Archivar der Stadt Ravensburg und seit 2009 auch Direktor des Museums Humpisquartier. Seine wissenschaftlichen Publikationen "Frühe Hexenverfolgung in Ravensburg und am Bodensee" und "Die Zeit der Händler. 850 Jahre Markt in Ravensburg" vermitteln wohl am besten, was im Roman im Rahmen einer Abenteuergeschichte für Jugendliche etwas vereinfacht dargestellt wurde und an manchen Stellen nur gestreift werden konnte. Und auf jeden Fall sollte man unbedingt einmal selbst nach Ravensburg fahren, sich die Orte, Straßen, Türme ansehen und vor allem das Museum Humpisquartier in der Markstraße besuchen. Dort kann man die Handelsrouten der Kaufleute verfolgen und sich ein Bild machen, wie die Menschen damals gelebt und gearbeitet haben. Wer sich noch etwas tiefer in das Thema Hexenverfolgung einlesen will, dem empfehle ich den Hexenhammer in der kommentierten Neuausgabe zu lesen (erschienen im Deutschen Taschenbuch Verlag). Hier findet sich viel Literatur zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte. Weitere Bücher zum Thema sind unter anderem: "Als die Teufel fliegen lernten - Zur Genese des Hexenglaubens bis zur Frühen Neuzeit" Tatjana Bink, "Hexen und Magie" von Johannes Dillinger sowie "Hexen und Hexenprozesse", herausgegeben von Wolfsgang Behringer. Einen spannenden Einblick in den Ravensburger Handel der damaligen Zeit gewährt das dreibändige Werk "Geschichte der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft" von Aloys Schulte.

Quadrat News 10.08.17

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